Siegessäule - „Everybody Knows“: Romy Haag

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Bühne

„Everybody Knows“: Romy Haag


Seit nunmehr 50 Jahren steht Romy Haag auf der Bühne. Am 5. und 6.8. zeigt sie letztmalig ihr Jubiläumsprogramm

© Lado Alexi

siegessaeule.de 2.11.2010/update 4.8.2011 – Frei nach Leonard Cohens „First we take Manhattan, then we take Berlin“ übernahm Romy Haag 1974 Berlin. Über Nacht etablierte sie ihren Club „Chez Romy Haag“ in Schöneberg. Da sie immer alles ein bisschen anders macht als andere, war auch hier das Konzept ihr ganz eigenes. Nachtclubs – Relikte aus den 60er-Jahren – waren unglaublich teuer und boten langatmiges Programm. Bei Romy dagegen ging es demokratisch zu:  Wer 5 Mark Eintritt bezahlte, konnte sich zur Not die ganze Nacht an seinem Bier festhalten, denn für den Umsatz sorgten die „Champagner-Gäste“. Die Shows waren alles andere als langatmig, sondern megaschnell und megalaut. Und der Laden offen für alle: Schwule, Lesben, Transsexuelle. Studierende und Mädels vom Strich, Rentboys neben dem Ham­­burger Fernsehballett, Hochschulprofessoren, Oberärzten, abenteuerlustigen Ehepaaren und lebenslustigen Witwen. Hier stieg jede Nacht eine Unity Party, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab.
Der Ruf von „Chez Romy“ lockte auch die Stars der Epoche an. Grace Jones warf mit Gläsern, als sie ihre Drinks bezahlen sollte, Donovan saß schüchtern in einer dunklen Ecke, David Bowie kam, um Romy zu daten. Und irgendwann holte Udo Lindenberg sie für eine Tournee und produzierte ihre erste Single, „Liege-Samba“, eine eher skurrile Angelegenheit.  Die Diva setzte Trends, plötzlich gab es eine Legion von Mini-Romys in Berlin, rote Mähnen waren überall ausverkauft. Getreu dem Haag’schen Motto „Zu viel Make-up? Gibt’s nicht!“ feierte Berlin in den 70er-Jahren die Schöneberger Nächte durch. „Von Kopf bis Fuß eine Styling-Orgie ... eine moderne Kultgöttin, Fetisch und Idol ...“, stand 1977/78 im Jahrbuch der Zeitschrift Theater heute über den „Star aus der Subkultur“. Aber auch und viel wichtiger, dass sie in ihren Inszenierungen die „Befreiung von den polarisierten Maskulin-Feminin-Vorbestimmungen“ vermittle. Ganz schön queer!
1980 schockierte die gebürtige Niederländerin im Interview mit dem Stadtmagazin Tip auf die Frage nach ihrer Ansicht über Sex-Change: „Die Ärzte, die so was machen, sollte man ermorden“, lautete ihre scharfe Kritik an oft zu schnell durchgeführten geschlechtsangleichenden Operationen. Ganz anders als eine Amanda Lear verzichtete Romy Haag eher auf lukrative Verträge, als sich selbst zu verleugnen. Was sie bis heute zu einem Role-Model für viele Trans*-Menschen macht. Sicher auch im Hinblick auf ihre Authentizität wurde Romy Haag 1997 mit einem Special TEDDY Award für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Übrigens bekam sie im selben Jahr in New York für ihre Brecht-Interpretationen den Jackie O. Award.
Nachdem 1983 im Club an der Fuggerstraße das Licht ausgegangen war, nahm Romys nächste Karriere als Livemusikerin ihren Anfang.
Jetzt wurde Rockiges von einer Disco-Phase abgelöst, Programme mit Jazz und mit Chanson oder Ausflüge zum Varieté folgten. Künstlerisch ist La Haag ständig in Bewegung, ihre Grundsätze aber haben sich nie geändert. „Klar stehe ich für Toleranz, aber fast mehr noch für ein respektvolles Miteinander-Umgehen. Diese Scheintoleranz, die etwa im Fernsehen herrscht, ist ja kaum zu ertragen. Da darf man ja auch nur schwul oder lesbisch sein, wenn man zusätzlich zum Ablachen ist.“ Ein anderer Grundsatz ist, sich nicht zu verbiegen, was ihr nicht nur Freunde beschert hat. „Ich habe überhaupt kein Bedürfnis nach Normalität und ständigem Angepasstsein. Die Normalität führt doch die Kriege – bestimmt nicht irgendeine Randgruppe.“
Neben fast 20 Musikalben, ungezählten Liveauftritten und der eigenen TV-Show „Hexenkessel“ drehte Romy Haag auch zahlreiche Filme, u. a. mit Charlotte Rampling („Mascara“). Zuletzt war sie in der Web-Soap „Doc Love“ zu sehen.
Ihre Autobiografie „Eine Frau und mehr“ ist seit Jahren ein Seller, außerdem beschäftigt sie sich mit Esoterik. Eine CD hat sie dem „Reichtum“ gewidmet – und es ist nicht nur der materielle damit gemeint. „Ich hab so viel im Kopf, was ich noch machen will und muss“, hat Romy Haag einmal gesagt. Das hat sie gehalten. Die Show zum 50. Bühnenjubiläum als Entertainerin heißt „Everybody Knows“ wird am 5. und 6. August letztmalig in Berlin zu sehen sein.

Frank Hermann

„Everybody Knows“, 5. und 6.8., 20 Uhr, Die Wühlmäuse

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Mehr zur Location: Wühlmäuse

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