Siegessäule - „Konfliktzonen statt Mulitkulti-Planschbecken”: Sermin Langhoff

Dein schwul-lesbisches Stadtmagazin für Berlin

Bühne

„Konfliktzonen statt Mulitkulti-Planschbecken”: Sermin Langhoff


Die künstlerische Leiterin des Ballhaus Naunynstraße im Interview

© Ute Langkafel

SIS 14.6.2010 – Sie haben es sich von Anfang an zum Ziel gemacht, migrantische KünstlerInnen zu fördern. Genau, wir haben es programmatisch und provokativ postmigrantisches Theater genannt. Natürlich gibt es kein Nach-der-Migration, aber es gibt ein Nach-dem-Trauma der Ankunft, das heißt, es gibt eine Entwicklung auch in migrantischen Geschichten, Perspektiven und auch in einer künstlerischen Reflektion.

Warum lag dieser Bereich so lange brach? Was das deutsche Theater der Nachkriegszeit ausgemacht hat, war ja schon ein politischer Raum, aber da gab es keine migrantischen, neuen Geschichten und keine Perspektiven, auch nicht im neuen Drama, außer vielleicht bei Fassbinder und Kroetz. Es gab damals noch keinerlei Bewegung, später hat Kanak Attak als erste Aktivistengruppe die Geschichte von „Gastarbeitern“ und Migration auf die Bühnen gebracht. Erst vor wenigen Jahren gab es im Zusammenhang unserer Arbeiten eine Entwicklung im Dokumentartheater; die ersten Geschichten mit einem dramatisch-ästhetischen Anspruch für die Bühne wurden formuliert und neue Perspektiven gewagt.

Wieso hat sich das Theater so lange ferngehalten? Na ja, man könnte sagen, irgendwelche Hochburgen braucht das weiße, europäisch zentrierte Bürgertum noch, aber das ist es ja nicht. Ich denke, dass es leider am Desinteresse lag. Mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung haben die Deutschen wieder angefangen, das Deutsche zu suchen, es ging sozusagen um eine neue Identitätsbestimmung, ein neues Wir – und da ging es dann eben sehr nachrangig um die migrantischen Mitbürger. Ich glaube, dass die gesamtgesellschaftliche Suche nach der gemeinsamen deutschen Identität da einfach den Blick für vieles andere versperrt hat.

Warum stehen nicht mehr SchauspielerInnen aus Einwandererfamilien auf der Bühne? Woanders geht das doch auch. In Großbritannien gibt es Förderprogramme, da gibt es schon viel länger ein Konzept von Diversität, ein Konzept von Differenz und ein Konzept von Antidiskriminierung und spezifischer Förderung von Minorities, was nicht immer unumstritten ist. Grundsätzlich ist es so, dass Deutschland und die Deutschen sich in vielen Dingen viel schwerer tun, und das ist dann eben in der Kunst nicht anders. Vielleicht sind wir uns nicht bewusst, dass wir einen wahnsinnig freiheitlichen Anspruch an Kunst formulieren auf Kosten der nicht vorhandenen Freiheit, Geschichten und Partizipation von Menschen. 

Wie sieht Diskriminierung konkret aus? Es ist kein Geheimnis, dass das Theater trotz aller Tradition von Brecht und Müller auch ein Ort des Bürgertums war, wo eine Bespiegelung stattfand, aber vor allem eben die Bespiegelung einer Elite, die sich in diesen Räumen kritisch mit sich selbst auseinandersetzt. Ich denke, das sind einmal Zugänge, die tatsächlich mehr von Schichten als von Herkunft abhängig sind. Auf der anderen Seite gibt es dann aber auch ganz klar eine Diskriminierung auf einer ethnischen Ebene, wenn sich zum Beispiel der Professor einer Theaterhochschule nicht vorstellen kann, dass eine Schwarze das Gretchen spielt oder dass ein Schwarzhaariger den Siegfried spielt usw. Diskriminierung existiert, so lange wir mit einem klassischen Kanon nicht nur von Literatur, sondern auch von Typ und Aussehen usw. agieren. Und das tut das deutsche Theater einfach noch.

Und Othello muss immer schwarz angemalt werden. Ja, aber schwarze Kollegen haben genug davon, dass der Othello eine der wenigen Rollen, die sie hier überhaupt angeboten bekommen. Mir geht es natürlich nicht um ein Multikulti-Planschbecken, mir geht es um die Konfliktzonen in den Communities. Das heißt, es ist für mich eben auch selbstverständlich, dass ich in so einem Haus in einem durchaus türkisch besetzten Milieu Völkermord an den Armeniern thematisiere. Mich interessiert die Reibung, mich interessiert es, Konflikte abzubilden. Wo, wenn nicht in Berlin, gibt es diese Möglichkeit? Und wo, wenn nicht hier, entstehen Stoffe wie „Die dritte Generation“ in einem Berliner Kontext, wo PalästinenserInnen, Israelis und Deutsche dann zusammenkommen können in einem Projekt. Die Erinnerungsarbeit ist mir ein Anliegen.

Interview: Andrea Winter

Sermin Langhoff leitet das Ballhaus Naunynstraße

Mehr zur Location: Ballhaus Naunynstraße


zurück

Weitere Artikel dieser Rubrik

Queer Termine Berlin

<<Mai>>
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31
Detailsuche Termine >>
Printausgabe
siegessäule Printausgabe
Download
hier >>

Anzeige

Siegessäule-Service für Berlin

  • Alle Locations der Stadt!
    zur Suche

  • TV TIPPS: Jeden Tag neu!
    Zu den TV Tipps

  • Berlin for gays and lesbians: nightlife, culture, hotels, best places
    (english/german) More

  • Restaurant-Tipps
    Zur Suche

  • Branchenbuch Queer Berlin:
    Der Siegessäule KOMPASS
    Zur Suche

Jobangebot bei siegessäule

siegessäule sucht: Anzeigenberater/in im neu gegründeten Verlag Special Media SDL GmbH

Mehr

Schwullesbisch Reisen? queer-travel.net: wir waren wirklich dort!




Siegessäule fürs Handy

Siegessäule mobil: für alle Smartphones, ganz ohne App! Easy Termine checken!

Mehr

Open Siegessäule

Schickt uns eure Berliner Themen und Storys, wir schreiben drüber!

Mehr


Gay Twitter

Follow us at Twitter

Mehr

siegessäule Hefte-Archiv

Alle Printausgaben seit November 2008 HIER zum Download

Mehr

Siegessäule Partnermagazine

DU&ICH, Deutschlands schwules Magazin - jetzt zum Vorzugspreis als E-Paper bestellen!

Mehr

L-MAG, Magazin für Lesben. Mit: Interview mit Gossip-Schlagzeugerin Hannah Blilie

Mehr

Reisemagazin Queer Travel: Schwerpunkt Ägypten – online unter: queer-travel.net

Mehr