Siegessäule - Labyrinth der Identitäten: „Der Rosenkavalier“ an der Komischen Oper

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Labyrinth der Identitäten: „Der Rosenkavalier“ an der Komischen Oper


In Berlin findet die Gender-Debatte nicht nur in der Theorie statt, bestes Beispiel dafür: Andreas Homokis Inszenierung der Richard-Strauss-Oper, letztmalig am 21.5.

© Monika Ritterhaus

SIS im April 09 – Völlig androgyn spielen und singen Elisabeth Starzinger und Stella Doufexis im Wechsel die Hauptrolle des Jünglings Octavian. Im ersten Akt  steht das Bett im Zentrum des Geschehens. Darin vergnügen sich überaus lustvoll Octavian und seine wesentlich ältere Geliebte, die Feldmarschallin. Octavian ist von Richard Strauss als Hosenrolle angelegt und schon dadurch weiblich und männlich zugleich. Doch es wird noch komplizierter: Um sein Techtelmechtel mit der Feldmarschallin geheim zu halten, verkleidet sich der falsche Jüngling als Zofe, damit ist er als waschechte Bio-Queen auf der Höhe des angewandten Gender-Diskurses.

Wie in „Victor/Victoria“ kokettiert Octavian mit der angenommenen Frauenrolle und agiert tapsig, denn die Gestik und Mimik des Weiblichen beherrscht er noch nicht so gut. Dabei entsteht eine psychologisch höchst komplexe Situation: Der Zuschauer soll merken, dass Octavian die Frauenrolle nur spielt, während „er“, der ja tatsächlich von einer Frau gespielt wird, als Mann ganz authentisch breitbeinig geht, steht und sitzt. Typisch für die Oper spielen die Schauspieler dabei nicht realistisch, sondern deuten wie im Maskenspiel alles nur an. Dieses Verwirrspiel ist ein Labyrinth der Identitäten: Was draufsteht, muss nicht drin sein, und was drin ist, kann wie bei einer russischen Babuschka noch einmal anderes verbergen.

© Monika Ritterhaus

Der Weiberheld Baron von Ochs zerbricht sich über solche Feinheiten nicht den Kopf. Nichtsahnend geht er Octavian in seiner Verkleidung als Zofe an die Wäsche und verfolgt die falsche Jungfrau gar bis ins Bett, womit er sich fast in eine schwule Sex-szene stürzt. Im dritten Akt dominiert ein Schrank das Bühnenbild, aber im Schrank ist hier niemand, man spielt um den Schrank herum und versteckt sich dahinter. Der Baron schickt Octavian als Brautwerber ins Haus des neureichen Herrn von Faninal, um dessen Tochter Sophie für sich zu gewinnen. Mit fatalen Folgen: ein Blick, und die Liebe bricht aus. Wird diese verbotene Liebe eine Chance haben? Dazu muss Octavian erst zahlreiche Intrigen überwinden und auch mehrmals – sehr schön anzusehen – mannhaft seinen Degen zücken. Während die Szenerie vom Barock bis zur Moderne durch die Zeiten jagt, finden Sophie und Octavian immer wieder Gelegenheit für leidenschaftliche quasi-lesbische Liebesszenen, bis hin zur Frauen-Ménage-à-trois am Happy End: Octavian bekommt Sophie und steht nun zwischen ihr und der Feldmarschallin, die ihn unter Tränen freigibt.

Die Oper scheint wie gemacht für den diskreten Genuss lesbischer Erotik im konventionellen Gewand, und so ließ der „Rosenkavalier“ bereits in seinem Entstehungsjahr Frauenherzen schmelzen. Seit Renée Schwarzenbach, die Mutter der androgynen Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach, 1911 in der Zürcher Oper Emmy Krüger als Octavian erlebt hatte, verband beide Frauen eine starke Zuneigung. Richard Strauss war bald ein gern gesehener Gast bei Renée, die großzügige Künstlerfeste inszenierte. Für Liebhaberaufführungen wurde Annemarie dann mit dem Bühnengewand von Emmy Krüger kostümiert und in dieser androgynen Hosenrolle ausgiebig fotografiert.

Birgit Kramer/Andrea Winter

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„Der Rosenkavalier“, 21.5. (zum letzten Mal in dieser Spielzeit), Komische Oper


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