Siegessäule - Leonard Bernsteins „Candide” an der Staatsoper Berlin

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Bühne

Leonard Bernsteins „Candide” an der Staatsoper Berlin


Die Inszenierung von Vincent Boussard macht aus dem Voltaire-Stoff ein philosophisches Roadmovie, Staatsoper im Schillertheater

Kostümentwurf von Christian Lacroix: ­„Danseuse Tango 2“

siegessaeule.de 24.6.2011 – Mitte des 18. Jahrhunderts: In Lissabon fordert ein Erdbeben über 30.000 Opfer, kurz darauf wütet in fast ganz Europa der Siebenjährige Krieg. Und da sprechen Kollegen des französischen Philosophen Voltaire davon, dass alles gut sei und nach Gottes Plan. Voltaire kann nur bitter lachen und schreibt dagegen an, mit seinem satirischen Roman „Candide oder der Optimismus“. Der Protagonist Candide, ein nicht standesgemäßer Sohn einer adeligen Provinzsippe in Westfalen, wird vom Hof gejagt, weil er mit der Tochter des Barons anbandelt. Daraufhin schickt Voltaire seinen Romanhelden in den Krieg, lässt ihn Schiffbruch erleiden, von der Inquisition verfolgen und führt ihn bis nach Lateinamerika, wo weiterer Stress wartet.

In Frankreich wurde Voltaires „Candide” verboten

Voltaires Roman ist eine hanebüchene Gewalttour, bei der die Hauptfiguren blutigen Schlachten, Vergewaltigung, Mord, Folter, Krankheiten und Naturkatastrophen ausgeliefert sind. Trotz allem glaubt der naive Candide unverdrossen, in der besten aller möglichen Welten zu leben. Das hat ihm sein alter Lehrer eingeredet, dem er bei seiner Irrfahrt wiederbegegnet. Dabei strafen die tatsächlichen Erlebnisse die Überzeugung unaufhörlich Lügen. Die Kritik im Buch gegen den Optimismus der Zeit und gegen die Kirche ist ätzend. Voltaire hat „Candide“ sicherheitshalber anonym an vier Orten gleichzeitig publiziert. In Frankreich wurde es bald verboten, Exemplare wurden verbrannt.

In den 1950er-Jahren entdecken die Dramatikerin Lillian Hellman und der queere Komponist Leonard Bernstein „Candide“ für die Musicalbühne. Beide erkennen in Voltaire einen Verbündeten. Bernstein stellt damals in einem Kommentar fest, dass die in „Candide“ geäußerte Kritik „für uns in Amerika genauso gültig ist, in unserem Amerika mit seinem puritanischen Snobismus, seiner doppelten Moral, seinen inquisitorischen Angriffen auf das Individuum, seinem Schöne-neue-Welt-Optimismus und seinem Grundgefühl, allen anderen Ländern überlegen zu sein“. Der Komponist, der in seiner „Candide“-Musik genüsslich Stereotype und Klischees aus Oper und Filmmusik auskostet, nimmt am Ende der Geschichte das US-kleinbürgerliche Hetero-Vorstadt-Idyll aufs Korn.

Designer Christian Lacroix schuf die Kostüme für das Stück

Jetzt kommt Bernsteins „Candide“ an die Berliner Staatsoper. Das Stück mit dem Hit „Glitter and Be Gay“ inszeniert der französische Regisseur Vincent Boussard. Wie schon bei Georg Friedrich Händels „Agrippina“ an der Staatsoper im letzten Jahr sorgt Designer Christian Lacroix für die Kostüme. Boussard möchte in seiner Inszenierung den satirischen Geist Voltaires wieder stärker betonen und, so wie Bernstein das Stück auf seine Zeit bezogen hat, zeigen, wie Voltaire heute die Geschichte erzählen würde. Die Vielschichtigkeit von „Candide“ begeistert Boussard. „Das Buch von Voltaire und das Stück von Bernstein funktionieren so ähnlich wie die Filme von Ernst Lubitsch, ,Sein oder Nichtsein’ zum Beispiel: Die Geschichte ist tragisch und zugleich extrem komisch. ,Candide‘ bietet viele verschiedene Lesarten, die Handlung ist ein ­Roadmovie, eine fantastische Reise, eine Geschichte über die Entdeckung der Sexualität, eine Satire und eine philosophisch-moralische Betrachtung. Ich finde es spannend, diese verschiedenen Lesarten bei der Inszenierung zu öffnen“, sagt er im Gespräch mit Siegessäule.

Die Vorlage gibt schon das Tempo der Aufführung vor. Vincent Boussard ist fasziniert, „wie die Geschehnisse geradezu brutal aufeinanderfolgen. Voltaire nimmt sich in ,Candide‘ die Freiheit, rasend schnell von einem Ort zum anderen zu wechseln. Bernstein und seine Librettisten übernehmen das in ihrem Stück.“ Diese ­harten Schnitte möchte Boussard bewusst nicht kitten.    
Eckhard Weber

„Candide“, Staatsoper im Schiller Theater ­Berlin,
24., 28., 30.6.: 19.30 Uhr und
26.6., 18 Uhr

 


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