Siegessäule - „Lulu“: Platte Klischees über Prostitution

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„Lulu“: Platte Klischees über Prostitution


Die Inszenierung an der Schaubühne bindet reale Protagonistinnen ein, erinnert aber allzusehr an ein Agit-Prop-Theaterstück, wieder Anfang Februar

© Sebastian Gabsch Szenenbild aus „Lulu, die Nuttenrepublik“ an der Berliner Schaubühne

SIS 14.12.2011 – Die Geschichte um Lulu, Femme fatale des Theaters und der Literatur, war zu Wedekinds Zeiten ein Skandal. Heute bekommt das Drama um die sozial abgestiegene und schließlich von Jack the Ripper ermordete Hure Ovationen. In der modernen Inszenierung von Volker Lösch an der Berliner Schaubühne treten wie in allen seinen Stücken Betroffene auf. Hier sind es 17 Sexarbeiterinnen unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Sparten der Prostitution, die die klassische Tragödie mit ihrer Realität unterfüttern. In hautfarbene Kleider gehüllt, verkünden sie als Sprechchor nicht allzu überraschende Geschichten aus dem Milieu, die dennoch spannender sind, als das Spiel der sehr plakativ agierenden professionellen Schauspieler und der Hauptdarstellerin Laura Tratnik.

Stereotype bestimmen das Bild vom „Gewerbe“

Letztere spielt frech und beherrscht die Lulu, die Männer dagegen stellen reine Klischees dar, die im Publikum für Lacher sorgen und zuweilen wirklich witzig sind. Damit bleibt Volker Lösch aber in einer wenig überraschenden Darstellung des Gewerbes stecken und beantwortet auch die im Programmheft gestellte Frage nicht: Wieviel Prostitution ist im Bürgertum und wieviel Bürgertum in der Prostitution?

Im Stück werden Freier lächerlich gemacht, während Huren niemals einzeln als Individuum auftreten dürfen. Wenn dann plötzlich nach Lulus Ermordung das Bühnenbild zusammenbricht und die Sexarbeiterinnen zur Gründung der Muschi-Partei aufrufen und das „Goldschwanz-Manifest“ verlesen, glaubt man sich in einem Agit-Prop-Theaterstück. Dann kündigen alle inklusive des Publikums diese Nuttenrepublik auf und treten für freie Liebe ein, mit „Sex und Erotik im allgemeinen und bezahltem Verkehr“, wie eine der Huren die Faust reckend ruft.  Das kann man allemal unterstützen.

Laura Méritt

„Lulu. Die Nuttenrepublik“, Regie: Volker Lösch, Chor: Bernd Freytag, Bühne: Carola Reuther, Kostüme: Cary Gayler, Schaubühne

Weitere Aufführungen: 2. und 3. Februar, 20 Uhr

Mehr zur Location: Schaubühne

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Kommentare


Ich finde es ziemlich schwach, dass kein Kritiker den Verstand hat zu erkennen, weshalb die Sexarbeiterinnen im Stück nicht einzeln auftreten. Das hat einen ziemlich naheliegenden Grund...nun strengt mal ein bisschen euer Gehirn an. Sexarbeit ist eine stigmatisierte Tätigkeit, als Prostituierte bekannt zu sein kann zu Diskriminierungen führen und sogar gefährlich sein. Na, dämmerts langsam?

von: Caroline, 19.12.2010 20:54 Uhr

Das Thema Prostitution scheint heute immer noch zu gewaltig zu sein, selbst für ein Bühnenformat wie Drama. Die polarisierte Debatte in der Lokalpolitik zu Bordellschließungen und Straßenstrich, in der Weltpolitik zu Menschenhandel und Migration, den Boulevardmedien zu Sex & Crime spiegeln diese permanenten Überforderungen. Die Gesellschaft reagiert mit Tabuisierungen, Stigmatisierungen, Marginalisierungen bis hin zu Kriminalisierungen. Die Prostitutionskunden, postfordistisch arbeitsteilig aufgestellten Paysex-Organisatoren und an der Sexfront ackernden Sexworker reagieren mit Flucht ins eher diskrete Doppelleben.

Dazu waren früher vor der Strafgesetzreform auch Schwule und Lesben verdammt. Doch für queere Lebensweisen kam dann eine sexuelle Revolution und brachte Liberalisierung. Bei der Prostitution geht es aber um mehr als nur diversifizierte Sexualität und Identität. Es geht auch um einen Lebensstil mit Existenzsicherungsfunktion, d.h. ein Geschäftsmodell. Das geht zu weit! Die Kombination von Sex UND Geld ist nach wie vor zu explosiv und konnte selbst in postsexualemanzipativen Zeiten marktwirtschaftlicher Deregulierung im globalisierten Neoliberalismus noch immer nicht emanzipiert und integriert werden. Ein Ende dieser Geschichte ist nicht in Sicht. Viele Abenteuer warten ... für Bett und Börse ...

von: Sexworker, 16.12.2010 13:15 Uhr

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