Bühne
„Pique Dame“, Thriller mit Anti-Helden an der Komischen Oper
Nächster und letzter Termin in dieser Spielzeit: 18. Juli
© David Baltzer
SIS im Juli 2009 – Einen Thriller, eine Schauergeschichte im Spielermilieu erzählt Peter Tschaikowsky in seiner Oper „Pique Dame“: Hermann, ein junger deutscher Ingenieur, Ausländer, Außenseiter in der feinen Sankt Petersburger Gesellschaft, ist verliebt in Lisa, eine Frau aus den besten Kreisen. Was ihm fehlt, um bei ihr zu landen, ist Geld. Doch er erfährt, dass ihre Großmutter, früher eine leidenschaftliche Spielerin, das Geheimnis einer Kartenfolge kennt, die immer gewinnt. Diese drei Karten möchte er von ihr wissen und lauert der alten Gräfin in ihrem Gemach auf. Doch es läuft nicht wie geplant. Als er eine Pistole zückt, bricht die Gräfin tot zusammen. Lisa, die Hermann in der Situation vorfindet, erkennt, dass er sich ihr Vertrauen erschlichen hat, um an das Geheimnis zu kommen. Hermann ist fortan dem Spiel verfallen. Lisa stürzt sich aus Liebeskummer in den Winterkanal. Das Geheimnis der drei Karten erschließt sich Hermann, als ihm die tote Gräfin erscheint. Doch das bringt ihm kein Glück. Er hat Pech im Spiel und jagt sich eine Kugel in den Kopf.
Mit der legendären Anja Silja als Gräfin mit mysteriöser Vergangenheit und mit Kor-Jan Dusseljee als Hermann kommt die hierzulande noch immer selten zu sehende „Pique Dame“ jetzt an der Komischen Oper auf die Bühne. Regisseur Thilo Reinhardt deutet in seiner Neuinszenierung an der Komischen Oper „Pique Dame“ als „Beschreibung einer Psychose, den Absturz eines Außenseiters in den Wahnsinn“.
Nicht die romantische Gruselgeschichte, sondern die pathologische Fallstudie interessiert Reinhardt: „Hermann klammert sich an ein Orakel, diese fixe Idee ergreift Besitz von ihm. Er steigert sich darin hinein mit allen Symptomen, wie Stimmen hören, Menschen nicht mehr wiedererkennen und Größenwahn.“ Das führt zum tödlichen Desaster am Spieltisch. „Man hat das Gefühl, Tschaikowsky hat mit dem Stethoskop an dem Patienten gelauscht“, sagt Reinhardt.
Diese Sichtweise des Hermann als Opfer seiner Geisteskrankheit liegt womöglich näher an den Absichten Tschaikowskys als ein Szenarium mit Schauerromantik. Im Gegensatz zu Alexander Puschkin, auf dessen gleichnamiger Novelle „Pique Dame“ basiert, zeigt Tschaikowsky Hermann am Ende nicht dämonisch, sondern rehabilitiert ihn. Statt dass Hermann, wie bei Puschkin, kurz vor seinem Tod völlig besessen die fatale Kartenfolge vor sich hin murmelt, hat er bei Tschaikowsky eine Vision der toten Lisa, der er seine Liebe gesteht.
In den Außenseiter Hermann konnte sich Tschaikowsky vermutlich gut einfühlen. Schließlich musste er sich als Schwuler lebenslang als Außenseiter fühlen. Homosexuelle wurden im Zarenreich nach Sibirien verbannt. Eine Alibi-Heirat mit seiner Klavierschülerin Antonina Miljukowa endete für Tschaikowsky im Desaster. Er wusste keinen anderen Ausweg mehr als Selbstmord, der aber aus Rücksicht auf seine Familie nicht so aussehen sollte. In einer kalten Septembernacht ging er in die Moskwa, so lange, dass er nach seiner Einschätzung eine tödliche Lungenentzündung bekommen würde. Danach floh er zu seinem Bruder nach Petersburg, wo er einen schweren Nervenzusammenbruch erlitt. Ein Arzt riet dazu, die Ehe aufzulösen.
Noch lange nach der Trennung befürchtete Tschaikowsky, Antonina zeige ihn wegen „des widernatürlichen Lasters Päderastie“, wie Homosexualität im russischen Gesetzbuch hieß, bei der Geheimpolizei an. Zeitlebens wurde der Komponist von derartigen Verfolgungsängsten, von Depressionen und Selbstmordgedanken gequält – wie sein Antiheld Hermann aus „Pique Dame“.
Eckhard Weber
Nächste Aufführungen: 18. Juli
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