Bühne
Thomas Kreimeyer: Kabarett mit Mitmachfaktor im QCC
Im Interview erklärt er seine besondere Art der Kommunikation und wie er es schafft, das Publikum in einen verschworenen Haufen zu verwandeln
SIS 20.11. – Wer zu ihm in die Vorstellung geht muss damit rechnen, selbst Teil derselben zu werden. Thomas Kreimeyer macht, wie er es nennt, Steh-Greif-Kabarett: Er steht auf der Bühne, greift einzelne Äußerungen seines Gegenübers auf und macht daraus Kabarett. Heraus kommen eigentlich nur Gespräche, allerdings in äußerst amüsanter und unterhaltsamer Form. Der gelernte Soziologe hat sich schon immer gern mit menschlicher Kommunikation beschäftigt, seit etwa acht Jahren steht er fast täglich mit seinem „Kabarett der Rote Stuhl” auf der Bühne.
SIS: Herr Kreimeyer, was erwartet mich, wenn ich zu Ihnen ins Theater komme?Thomas Kreimeyer: Zunächst einmal gehe ich auf die Bühne mit dem Ziel, mich mit den Zuschauern zu unterhalten. Es geht um Kommunikation und Interaktion. Ich trete in Kontakt mit den Menschen dort unten, und hebe diese Distanz zwischen Bühne und Publikum auf, indem ich sie anspreche. Und dann nehme ich eigentlich das, was sie sagen, und lasse es einmal durch mein Hirn laufen, ganz platt formuliert. Manchmal überhöhe ich die Dinge, manchmal ziehe ich Äußerungen zusammen, manchmal verkürze ich oder verschiebe das Gesagte im Kontext dessen, wie es gesagt worden ist. Dadurch entstehen teilweise sehr lustige Geschichten.
Wodurch entsteht der Witz? Neulich war ich in der Schweiz. Da ging es zum Beispiel um das Thema Tierliebe. Ich war mit einer Frau im Gespräch und irgendwann sind wir bei Pferden gelandet und ich fragte, ob sie Pferde möge. Die Art, wie sie das verneinte, hatte so etwas Dramatisches, dass ich gefragt habe, ob sie Angst vor Pferden hat. Als Schweizerin sagte sie: „Nein, ich hab keine Angst vor Pferden, die lasse ich nicht so auf mich drauf.” Das ist natürlich ein unglaublich witziges Bild – 450 Leute in dem Theater haben gebrüllt vor Lachen. Für die Schweizer ist es noch mal ein anderer Witz, die wissen natürlich, dass man das in Schweizer Deutsch so sagt, dass man es aber nicht genau so ins Hochdeutsche transportiert. Ich hab natürlich ein riesen Ding draus gemacht und hab gesagt: „Das scheint mir ja ein großer kultureller Unterschied zu sein. Bei uns in Deutschland ist es fast umgekehrt, wir steigen praktisch aufs Pferd, kann man sagen.” Dann kriegt das so was Harmloses, weil ich es einfach wörtlich nehme. So funktioniert oft der Witz. Aber der Witz entsteht oft in der Situation selbst. Ich habe Abende, nicht selten, dass die Leute so sehr lachen, dass sie raus müssen. Wenn man das am nächsten Tag erzählt, ist es oft nicht so komisch, da gehört einfach die Spannung in der Situation selbst dazu.
Kann es passieren, dass Sie einen wunden Punkt treffen oder jemand etwas übel nimmt? Das darf nicht passieren. Das liegt natürlich an mir, wie ich es schaffe, Kontakt aufzunehmen. Als ich angefangen habe, das zu machen, ist es sicher auch passiert, weil ich mich im Ton vergriffen habe oder unsicher war im Auswählen der Gesprächspartner. Ich mache das jetzt seit acht Jahren, jetzt passiert mir das nicht mehr. Wenn ich merke, dass es eine Irritation oder so gibt, dann trete ich die Bremse, versuche abzulenken oder ziehe eine andere Linie.
Gibt es auch ein Publikum, das Ihnen weniger liegt? Es ist natürlich nicht jeder Abend gleich. Hier in Berlin bin ich relativ etabliert und da ist das Publikum gut zur Hälfte mit Menschen bestückt, die mich schon kennen. Wenn ich woanders bin, haben die Leute oft keine Ahnung, was auf sie zukommt, da muss ich natürlich ganz anders anfangen. Nach der Pause gibt es dann oft einen Turning-Point, weil die Leute dann miteinander reden können. Oftmals gehen wildfremde Menschen aufeinander zu, weil sie plötzlich sichtbar geworden sind und sich verbunden fühlen. In der zweiten Hälfte ist dann eine Stimmung wie beim Klassenausflug, plötzlich ist das Publikum so eine eingeschworene Truppe.
Interview: Christina Reinthal
Thomas Kreimeyer tritt regelmäßig in der Ufa-Fabrik und in der Scheinbar auf.
Vom 24.–29. November ist Thomas Kreimeyer im Quatsch Comedy Club zu sehen.
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