Siegessäule - Wunderbar provozierend: Barockoper „Armida“

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Wunderbar provozierend: Barockoper „Armida“


Sex-and-Crime-Regisseur Calixto Bieito bietet jede Menge gender trouble an der Komischen Oper

© David Baltzer Agentur Zeit

SIS im Juli 2009 – Männer, nichts als nackte junge Männer. Sie sind Gefangene der schönen Amazonen-Königin, der Zauberin Armida. Ihr Männerharem ist durchtrainiert und sieht gut aus. Zwei Akte lang, bis zur Pause, werden die nackten Jungs gequält und erniedrigt: sie müssen Liegestütze machen, werden von den Frauen beritten, geschlagen oder mit der Telefonschnur erwürgt. Reihenweise sind sie Armidas mythischer Verführungskraft erlegen. Erst als ihr stärkster Gegner, der christliche Ritter Rinaldo, ihren Reizen widersteht, verliert sie die Kontrolle über ihre Gefühle. Zerrissen zwischen Faszination und Wut schwört Armida Rache und will Rinaldo töten. Doch als sie ihn dann in der Gewalt hat, bringt sie’s nicht übers Herz.

„Was unser Herz heimlich will“ ist eines der Leitmotive in Christoph Willibald Glucks  Barockoper „Armida“. Aus den unberechenbaren unterdrückten Gefühlen ergibt sich ein subtiles und spannendes psychologisches Drama. Der als Sex-and-Crime-Regisseur berüchtigte Katalane Calixto Bieito provoziert auch in seiner neuesten Berliner Inszenierung auf Teufel komm raus, dennoch wird aus „Armida“ kein Opernskandal, auch wenn in Sachen Gender Trouble einiges aufgefahren wird: Adam und die etwa 20 Jahre ältere Eva wandern Hand in Hand im Naturkostüm über die Bühne, ein nacktes Heteropaar hat oralen Sex, der Hass wird beeindruckend gespielt von Maria Gortsevskaya, die Armida mit Krawatte, schwarzem Frack und roten Rosen quasi lesbische Avancen macht. Zum Höhepunkt der Oper gibt es ein atemberaubendes Stillleben, die stumme Orgie ist eine Art Gruppensex und zur Barockflöte vögeln zwei Männer.

Bieitos Regiekonzept unterstützt den Angriff von Komponist Gluck auf die höfische Oper – statt gesäuselter Liebesschwüre zur Da-capo-Arie gibt es hier pure Emotionen, Lärm und Geschrei. Zu einem Gesamtkunstwerk wird diese Barockoper  durch das hervorragende Ensemble: Die schwedische Sopranistin Maria Bengtsson singt und spielt als Armida nicht nur wunderbar, sondern begeistert das Publikum auch durch den Zauber von Armidas (und ihrer eigenen) Schönheit. Der musikalische Leiter Konrad Junghänel dirigiert das Orchester zu außerordentlichen Leistungen. Und Rebecca Ringst hat ein sensationelles Bühnenbild gebaut: von der Galerie aus blickt ein Teil der Protagonisten von oben auf das Geschehen herunter. Milimeterweise schiebt sich die Palastkonstruktion nach vorne, Licht und Schatten wechseln ständig ihre Konturen.

Doch am Ende bleibt eine Frage unklar: Für Calixto Bieito ist Armida „eine moderne Frau mit vielen Ecken und Kanten und dunklen Seiten. Modern bedeutet für mich, dass diese Frau in der Gegenwart lebt und existentielle Konflikte austrägt, die im Grunde genommen zeitlos sind“. Aber warum ermordet Armida ihren Liebhaber in Hosen, wo sie doch vorher immer ein sexy Outfit mit Kostüm oder Kleid trug? Liebt die moderne Frau im Rock, tötet sie im Beinkleid? Wie es wirklich war, das wissen nur die Amazonen.
Andrea Winter

„Armida“, Komische Oper, 4. und 15. Juli um 19 Uhr


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