Siegessäule - Zwischenstation: Berliner Bühnen starten in die neue Saison

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Zwischenstation: Berliner Bühnen starten in die neue Saison


Die Staatsoper zieht vorrübergehend ins Schillertheater und wartet dort mit interessanten Premieren auf. Ein Blick auf die Berliner Theaterlandschaft

© Thomas Bartilla

SIS 16.9.2010 – Die Interviewreihe „Sagen Sie jetzt nichts“ in der Süddeutschen Zeitung befragte kürzlich den Theatermann Jürgen Flimm. Auf die Frage, wie viele FreundInnen er als begnadeter Netzwerker bei Facebook habe, krümmt er seinen Zeigefinger Richtung Daumen und zeigt eine Null. Jürgen Flimms Gesichtsausdruck lässt dabei offen, ob ihm das ausreicht oder zu wenig ist. Sein künftiger Arbeitsplatz, die Berliner Staatsoper, hat 1.098 FreundInnen auf Facebook. Vielleicht bekommt Flimm als neuer Intendant des Hauses ja bald einige davon ab?! Die erste Spielzeit beginnt für den Theatermanager mit einer Ausnahmesituation, denn das Opernhaus mit der Adresse Unter den Linden wird komplett saniert. Deshalb fungiert das Schiller Theater ab jetzt als interimistische Spielstätte für die nächsten drei Jahre.

Und hier in Charlottenburg wollte der Regisseur Christoph Schlingensief die neue Spielzeit und Jürgen Flimms Neustart an der Staatsoper am 3.10. mit der Auftragsarbeit „Metanoia – über das denken hinaus“eröffnen. Die Uraufführung soll zwar stattfinden, doch nun wird sie überschattet durch den viel zu frühen Tod des kreativen, vielseitigen und radikalen Künstlers am 21. August. Seine Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde und vor allem auch Schlingensiefs Fans sind tief betroffen und voller Trauer: „Sein beispielloser Erfindungsgeist schuf immer wieder neue Vorhaben, Ideen, Pläne – auch langfristige – hier bei uns und in Burkina Faso“, heißt es auf der Homepage der Berliner Staatsoper. „Wir verneigen uns vor diesem außerordentlichen Künstler.“ (Ein persönlicher Nachruf auf hier siegessäule.de.)

Aber trotzdem muss der Betrieb weitergehen und so folgen am 4.10. gleich zwei Premieren als Doppelabend. In beiden singen Frauen, die laut Ankündigungstext die Grenzen des Verstands hinter sich gelassen haben. Neben „Miss Donnithorne's Maggot“ des offen schwulen Komponisten Peter Maxwell Davies kommt „Infinito nero“ von Salvatore Sciarrino zur Aufführung. Letzteres trägt die reizvolle Genrebezeichnung „Ekstase in einem Akt“. Klassischer wird es dann am 17.10., wenn der musikalische Leiter der Staatsoper, Daniel Barenboim, „Das Rheingold“ dirigiert und der attraktive Hanno Müller-Brachmann in der Premiere den Wotan singt.

Auch die KollegInnen ein paar Straßen weiter spendieren neben dem Ohrenfutter ebenso etwas für die Augen: An der Deutschen Oper in der Bismarckstraße hebt sich der Vorhang zur ersten Premiere  am 16.10. mit Mozarts „Don Giovanni“. Die Titelrolle ist mit Ildebrando d`Arcangelo besetzt. Schon der Name des italienischen Bassbaritons zergeht auf der Zunge, aber auch optisch kommt er ans Rollenfach „Latin Lover“ sehr nahe heran. Berlins kleinste Oper, die Komische, ging vergangene Saison ihres Generalmusikdirektors verlustig. Carl St. Clair verließ vorzeitig wegen „künstlerischer Differenzen“ das Haus. Zum Auftakt der neuen Spielzeit dirigiert nun sein Nachfolger Patrick Lange am 26.9. Andreas Homokis Neuinszenierung von Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“. Mit 1.246 FreundInnen auf Facebook ist die Komische Oper übrigens Spitzenreiterin unter den Berliner Opernbühnen.

Im Sprechtheater führt die Schaubühne mit 3.756 FreundInnen. Dort hat Molières „Der Menschenfeind“ mit Lars Eidinger und Judith Rosmair am 19.9. Premiere, Corinna Kirchhoff gastiert in der Rolle der Arsinoé. Und am 9.10.  kommt Thomas Ostermeiers „Othello“ von Shakespeare zu seiner Berlinpremiere. Auch das Deutsche Theater zeigt Shakespeare, hier inszeniert Andreas Kriegenburg den „Sommernachtstraum“ am 24.9., gefolgt von Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ am 15.10. mit Nina Hoss (Regie: Stephan Kimmig). Das Maxim Gorki Theater (2.105 FreundInnen auf Facebook) zeigt dramatisierte Belletristik („Die Blechtrommel“ nach Günter Grass) am 26.9. Frank Castorf emulgiert an der Volksbühne Tschechow mit Tschechow („Nach Moskau! Nach Moskau!“) am 16.9. Und im Berliner Ensemble bringt Hausherr Claus Peymann Ravenhills Antikriegsreigen „Freedom and Democracy: I hate you“ am 29.9. auf die Bühne. Noch im August, nämlich am 26.8., hat „Ödipus auf Kolonos“ von Sophokles Berlinpremiere (Regie: Peter Stein, Titelrolle: Klaus Maria Brandauer). Das Berliner Ensemble hat übrigens keine Freunde auf Facebook. Die Kantine des Berliner Ensembles dafür schon. Nämlich 30.

Peter Fuchs

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