Siegessäule - Looser-Melodram: „66/67 Fairplay war gestern“

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Film

Looser-Melodram: „66/67 Fairplay war gestern“


Schwuler Klemmi, Beziehungs-Chaot und andere traurige Gestalten kommen in diesem Film nicht recht voran

SIS 18.11.2009 – 66/67 – ein tolles Branding haben die Jungs auf der linken Brust. In dieser Bundesligasaison wurde Eintracht Braunschweig zum ersten und einzigen Mal deutscher Fußballmeister. Darauf kann man auch 2009 noch stolz sein, jedenfalls polieren die sechs Freunde der 66/67-Clique ihr schlechtes Selbstwertgefühl mit Erinnerungen an den vergangenen Triumph auf.
Sie sind um die 30 und fast alle irgendwie verkorkst. Als Hartz-IV-Empfänger hat sich Otto mit seinem Scheitern abgefunden. Der Klemmi ist schwul, aber nicht out, und geht heimlich zu Barebackpartys. Christians Beziehung platzt, weil er seiner vernachlässigten Freundin ausgerechnet im Stadion einen Antrag macht und nicht schnallt, dass sie was ganz anderes von ihm bräuchte. Nach dem guten Freundesrat – „die taugt doch nichts“ – bringt er Mareille fast um. Henning ist das schwarze Schaf einer Polizistenfamilie, Mischa tut selbstlos alles, wenn er „gebraucht“ wird, und Anführer Florian hat eine schwere Krise: Die väterliche Firma will er nicht übernehmen, doch ihm fehlt der Mut, sich für seine Wünsche zu entscheiden. Trotz seiner Bildung kann ausgerechnet der junge Akademiker seine Aggressionen nicht kontrollieren und schlägt einen Hannover-96-Fan fast tot.
Die stärkste Persönlichkeit des Films ist Florians heimliche Geliebte, die Schauspielerin Özlem, eine der wunderbars­ten Frauenfiguren, die der deutsche Film seit langem gesehen hat. Weil Florian keine Entschei­dung für sein eigenes Leben trifft, sieht Özlem keinen Sinn mehr in ihrer Liebe und verlässt ihn. Erstaunlicherweise ist in „66/67 – Fairplay war gestern“ ausschließlich Özlems türkeistämmige Familie sozial intakt; liebevoll kümmert sich ihr Bruder Tamer um den schwerkranken Vater. Wie in jedem eingeschworenen Männerbund heißt auch hier das Allheilmittel einer für alle: Wenn die Gemeinschaft mich braucht, tue ich alles bis zur Selbstaufgabe. Das geht natürlich völlig schief. „66/67“ ist eine hervorragende psychologische Studie und entlarvt Gruppenzwang und falsche Loyalität. Jeder gibt jedem den denkbar schlechtesten Rat, deswegen geht die Zuschauerin höchst deprimiert aus dem Kino.

66/67 Fairplay war gestern, Regie: Ludwig & Glaser,118 min, D, 2008, Kinotermine in Berlin


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