Film
Andrew Garfield brilliert in John Crowleys „Boy A“
Weder gut noch böse: Die britische Produktion „Boy A“ ist einer der wichtigsten Filme des Jahres
SIS im Mai 2009 – Am Anfang tappt der Zuschauer völlig ahnungslos im Dunkel des Plots. In einem kargen Raum sitzt ein 24-Jähriger mit einem väterlich wirkenden Mann namens Terry. Der schenkt ihm Nike-Turnschuhe und eine neue Identität. Über beides freut sich der unsichere junge Mann wie ein kleines Kind. Aber was ist die Vorgeschichte, was ist passiert? Wird der junge Brite von der Mafia verfolgt oder warum kann er nicht als der leben, der er eigentlich ist? In seinem zweiten Leben heißt Eric nun Jack und findet bald ein Zimmer, eine Arbeit und eine Freundin. Das alles hat er Terry zu verdanken, der Jack liebevoller behandelt als seinen eigenen Sohn – und das entwickelt sich später zur zweiten großen Tragik dieses Films.
Als Jacks Leben endlich geordnet verläuft, holt ihn die erste Tragik seines Lebens wieder ein: seine Kindheit. Durch die Rückblicke zum zehnjährigen Eric erfährt der Zuschauer, dass Terry Bewährungshelfer ist und Eric 14 Jahre lang im Gefängnis saß. Als Kind hat er ein Mädchen ermordet, zusammen mit seinem gleichaltrigen Freund, der schon während der Haft ermordet wurde, zur Vergeltung. Beide Jungen stammen aus schwierigsten familiären Verhältnissen und sind emotional verwahrlost. Und genau mit diesen individuellen Motiven von Schuld und Sühne wird die britische Channel-Four-Produktion von Regisseur John Crowley zum moralischen Thriller und beschäftigt sich mit der Frage nach dem Ursprung des „Bösen“: Kamen die beiden Kinder-Mörder bereits böse zur Welt oder haben sie ihr Verhalten gelernt? Tragen die Eltern die volle Verantwortung für die Produkte ihrer Erziehung?
Völlig unbedarft betritt der in den Medien nur als „Boy A“ bekannte junge Mann mit 24 eine Welt, die er als Kind erlebt und verlassen hat. Er ist durch seine Haftstrafe geläutert und wirkt nun so unschuldig, kindlich und rein, wie er es im Naturzustand war, bevor ihm in seiner Familie Gewalt angetan wurde. Wenn seine Mutter nicht elendig an Krebs krepiert wäre, während der Vater im Wohnzimmer gesoffen hat. Die Kamera zeigt nicht, wie Eric von seinem Vater verprügelt wird; der Zuschauer sieht nur, wie ihm das Blut still aus der Nase läuft. In der Schule wird Eric von den großen Jungs geschlagen und kann sich erst wehren, als er seinen Schicksalsgefährten trifft, der ihm zeigt, wie man zurückschlägt. Doch da haben die beiden Kinder schon viel zu viel Gewalt erfahren: Erics Freund erzählt scheinbar ungerührt, wie er ständig von seinem Bruder vergewaltigt wird.
„Boy A“ ist die Verfilmung des gleichnamigen preisgekrönten Romans von Jonathan Trigell; der Streifen emotionalisiert und polarisiert wie die Vorlage. Obendrein wirft die Geschichte keinen schmeichelhaften Blick auf die sensationslüsternen Massenmedien, „die ihre ‚eigene’ Wahrheit konstruieren und eine Mob-Mentalität heraufbeschwören“, wie John Crowley erklärt.
Das Sozialdrama im düsteren britischen Working-Class-Ambiente wird vor allem durch die unglaubliche Performance von Andrew Garfield als Jack zu einem eindringlichen Kinoereignis, das noch lange nachdenklich stimmt: Ein kleiner Junge im Körper eines Mannes, der seine Kindheit nie gelebt hat und trotz seines schweren Verbrechens die Sympathien der Zuschauer gewinnt. Beeindruckend spielen auch Katie Lyons als Jacks Freundin Michelle und der mehrfach ausgezeichnete Schauspieler und Regisseur Peter Mullan als Bewährungshelfer Terry.
„Boy A“ ist ein leiser Film, einer der wichtigsten dieses Jahres.
Andrea Winter
"Boy A"; GB 2008, 106 Min., Regie: John Crowley, mit: Andrew Garfield, Peter Mullan, Katie Lyons
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