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Coming-out vor der türkischen Nation


Der Film „Çürük“ dokumentiert, wie das türkische Militär mit schwulen Wehrpflichtigen umgeht – HEUTE Weltpremiere in Berlin

SIS 15.4.2011 – „Çürük“, das bedeutet im Türkischen „verdorben“. Ein Stück Obst oder ein kariöser Zahn kann so sein. Bekommt ein Mann das Etikett bei der Musterung aufgeklebt, gilt er als „untauglich“ für den Wehrdienst. Ein möglicher Grund: Homosexualität. Der Dokumentarfilm „Çürük“, der am 15. April in Berlin Premiere feiert, widmet sich dem Mythos, der mit dieser türkischen Ausmusterungpraxis verbunden ist.

Dass sich Armeen mit Schwulen schwer tun, ist keine türkische Besonderheit. Auch in Deutschland wurde noch in den 2000er Jahren ernsthaft darüber diskutiert, ob Homos in allen Abteilungen der Bundeswehr einsatzfähig seien. Doch in der militärvernarrten Türkei ist der Umgang mit schwulen Wehrpflichtigen zu einem haarsträubenden Schauspiel der Machokultur entartet.

Am Anfang der Tragödie steht die große Sorge, mit der viele Jungs – nicht nur schwule – ihrem Militärdienst entgegensehen. Die Armee gilt als rau und homophob, und der Einsatz in den Kurdengebieten an der irakischen Grenze kann tödlich enden. Eine Verweigerung ist möglich, aber für die meisten undenkbar. „Ich will eigentlich gar nicht zum Militär“, erzählt ein schüchterner Mann aus Ankara, der wie fast alle Protagonisten in „Çürük“ unerkannt bleibt. „Aber meine Mutter hat mir gesagt: Du musst doch Soldat werden wie alle anderen auch! Damit ich stolz auf dich sein kann.“ Das Militärzeugnis ist bei jeder Bewerbung vorzulegen, Verweigerer bleiben ein Leben lang als solche zu erkennen.

Pornofotos für die Militärärzte

Dennoch wagen einige mutige Männer das Undenkbare: Sie outen sich schon bei der Musterung als schwul und beantragen, dies im Militärkrankenhaus untersuchen zu lassen. Um den Wehrdienst kommen sie so herum. Aber zu einem hohen Preis. So berichtet ein inzwischen in Berlin lebender Türke, wie er auf Verlangen der Militärärzte Pornofotos von sich produzieren lassen musste: Ein Freund penetrierte ihn anal, ein anderer hielt mit der Kamera drauf. „Das war gar nicht so einfach, Gesicht, Po und den Schwanz meines Freundes auf ein Bild zu bekommen. Heute kann ich darüber lachen, aber damals war mir das sehr peinlich.“ Immerhin wurde sein Beweismittel anerkannt.

„Solche Fotos oder eine Analuntersuchung verstoßen so klar gegen Menschenrechte, dass sie kein Mensch verlangen kann“, betont ein 25-jähriger Istanbuler. „Das habe ich den Psychiatern sehr deutlich gesagt. Und ich habe meinen Ausmusterungsbescheid auch so bekommen.“ Vielleicht ist das ein gutes Zeichen: Die nachfolgenden Generationen lassen sich nicht mehr alles bieten.

Regisseurin Ulrike Böhnisch spart sich jede Deutung, lässt nur die Ausgemusterten sprechen. Ihre Beispiele verdeutlichen vor allem eines: In der türkischen Armee leben einige Verantwortliche absurde Machofantasien aus. Zu diesen gehört die scharfe Trennlinie zwischen aktivem und passivem Sexualpartner. „Mannsein bedeutet Ficken – Punkt!“, fasst der Berliner dieses krude Weltbild zusammen. „Wer sich wie eine Frau benutzten lässt, ist nicht mehr Teil der Männergesellschaft.“

„Çürük“ hätte es gut getan, wenn das Team noch ein paar andere Stimmen hätte zu Wort kommen lassen. Militärs bekommt man nicht so schnell vor die Kamera, denn die Armee dementiert alle Überprüfungen, die über einen psychologischen Fragenkatalog hinausgehen. Aber einen mutigen Wissenschaftler oder Publizisten hätte man noch auftun können. Schließlich ist in der Soldatennation Türkei in den letzten Jahren viel in Bewegung geraten.

„Schwulsein ist inzwischen okay“, meint zumindest der 25-Jährige, der sich den Fotobeweis bei seiner Musterung verbeten hat. „Zumindest kannst du daheim im Wohnzimmer darüber reden. Aber wenn du dich deswegen ausmustern lässt, ist das noch was anderes. Dann hast du dein Coming-out vor der ganzen Nation.“

Text: Philip Eicker

Weltpremiere am 15. April um 22.30 Uhr im Rahmen des Dokumentarfilmwettbewerbs des Festivals „Achtung Berlin“

15.4., 22.30 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain (Premiere)
16.4., 20 Uhr, Babylon Mitte
17.4., 17.45 Uhr, Passage Kino

Zur Website des Films

Zur Website von „Achtung Berlin – New Berlin Film Award“

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