Siegessäule - „Darling! The Pieter-Dirk Uys Story”: gelungene Doku

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„Darling! The Pieter-Dirk Uys Story”: gelungene Doku


Ungewöhnlicher Dokumentarfilm über den südafrikanischen Kabarettisten und Aids-Aktivisten Pieter-Dirk Uys, engagiert und spannend

SIS 12.6.2010 – Der junge Neuseeländer Julian Shaw wurde von einer Verwandten dazu überredet, sich das Programm des schwulen Künstlers Uys im Opernhaus von Sydney mit anzusehen. Noch nie hatte der Teenager von der aufgetakelten Bühnenfigur Evita Bezuidenhout alias Pieter-Dirk Uys gehört und musste regelrecht dorthin geschleppt werden.

Es war eine folgenschwere Begegnung: „Mit 15 Jahren erlebte ich eine Show, die mein Leben veränderte. Ich sah einen Mann auf einer Bühne: glatzköpfig, mittelalt, weiß. Ich wusste nichts über Südafrika, als die Show begann. Als sie zu Ende war, wollte ich alles wissen. Es hat mein Leben verändert!“ Nach der Vorstellung fragte der Schüler den Künstler allen Ernstes, ob er einen Film über ihn drehen dürfe. Der Satiriker hatte bislang sämtliche Anfragen ausgeschlagen; auch die Vorschläge der BBC waren ihm zu unpersönlich, aber einen unbedarften Teenager hinter der Kamera fand er wohl einleuchtend. Also ließ sich Julian Shaw von der Schule beurlauben und reiste vier Jahre lang immer wieder nach Südafrika. Um sich Pieter anzunähern, beleuchtet er im Film die südafrikanische Geschichte unter dem Apartheidregime und zeigt blutige Höhepunkte wie etwa das Sharpville-Massaker von 1960. Für die biografische Spurensuche lässt er Pieter und seine Schwester Tessa Geschichten aus der Kindheit erzählen und den noch heute schmerzhaften Selbstmord der Mutter erwähnen, einer jüdischen Pianistin aus Charlottenburg, die der NS-Vernichtungspolitik entkommen konnte. Ihr Konzertflügel steht heute wieder in Berlin, im Jüdischen Museum.

Seit 1996 hat Uys sein eigenes Theater in einem charmanten Örtchen namens Darling, rund 100 Kilometer nördlich von Kapstadt. Den stillgelegten Bahnhof verwandelte er in „Evita se Perron“, eine Kabarettbühne, wo die Gäste an Tischen sitzen und „Evita Shiraz“ trinken. Seine respektlosen, bitterbösen Satiren blamierten schon die Apartheidpolitiker, aber über mangelnden Stoff kann sich Pieter-Dirk Uys auch in der ANC-Ära nicht beklagen, denn die neuen, demokratisch gewählten Regierungen liefern dem Komiker quasi drehbuchreife Texte.

Mit seinen messerscharfen Analysen prangert der Sprachvirtuose die mangelhafte Aids-Politik der Regierung Jahr um Jahr an und betreibt seine eigene Aufklärungskampagne für die junge Generation in Südafrika: „Heuchelei ist die Vaseline des politischen Interkurses“, sagt er und hat noch viel gelungenere Zeilen wie diese parat: „Liebe deine Feinde und du wirst ihren Ruf ruinieren!“ Der Dokumentarfilm konzentriert sich auf die neue „Mission” des Humoristen und beginnt mit tanzenden und singenden Schülerinnen und Schülern – es ist die pure Lebensfreude. Doch das Leben der Jugendlichen ist bedroht von einem tödlichen Virus, deshalb tourt Pieter-Dirk Uys mit seinem Aufklärungsprogramm seit Jahren kostenlos durch die Schulen des Landes. Das Motto der Kampagne lautet „Erziehung durch Unterhaltung“. Aids rangiert am Kap der Guten Hoffnung an erster Stelle der Todesursachen; die Lebenserwartung ist unter 49 Jahre gesunken.

Deshalb hat Pieter den Part des Aufklärers übernommen, er ist das gute Gewissen seines Landes. Seine Worte kommen bei den Jugendlichen gut an, sie brüllen vor Lachen. „Vergesst nie, dass ihr die Zukunft Südafrikas seid! Und deshalb dürft ihr keine Angst vor dem Virus haben. Und vor dem Leben! Das sind eure Rechte in der Demokratie: Fragen zu stellen“, proklamiert er und führt dann den Mädchen vor, wie sie zum Schutz vor Vergewaltigung ein Kondom für Frauen benutzen können. Den Jungen sagt er, dass sie Mädchen nicht zum Sex zwingen dürfen. Und immer wieder kommen die Schülerinnen und Schüler selbst zu Wort und erklären, dass sie sich schützen wollen, denn: „Er inspiriert uns!“ Schließlich erscheint auch der Aids-Aktivist Zackie Achmat vor der Kamera und fragt nicht nur sich, wo denn die Gerechtigkeit bleibe, wenn im heutigen Südafrika mehr schwarze Menschen sterben müssten als in der mörderischen Apartheidära: „Wir verlieren Polizisten, Lehrer, wir verlieren aber auch eine ganze Generation von Frauen. In der Apartheid hatten schwarze Menschen keinen Wert und diese Aids-Politik ist eine Fortsetzung dieser Politik!“

Die vielschichtige und rührende Hommage endet, wie sie begonnen hat, nämlich mit jungen Menschen und der südafrikanischen Nationalhymne „Nkosi Sikelele Afrika“ – vielleicht als ein kleiner Hinweis darauf, dass Südafrikas beliebtester Mann in Frauenkleidern in jeder politischen Ära auch immer ein Patriot war, der seine Landsleute vor der eigenen Regierung schützen wollte.    

Andrea Winter   

„Darling! The Pieter-Dirk Uys Story“, Regie: Julian Shaw, 53 Min., AUS 2006, OmU



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