Siegessäule - Dicksein als Methaper: „Die Gewichtigen”

Film

Dicksein als Methaper: „Die Gewichtigen”


Gesellschaftskritisch: Daniel Sánchez Arévalo nimmt den Schlankheits- und Diätwahn der westlichen Industriestaaten auf die Schippe

SIS 1.7.2010 – Eine Therapiegruppe für Übergewichtige in Madrid. Regelmäßig treffen sich die Informatikerin Leonor, der Familienvater Andrés, die Katholikin Sofía und der schwule TV-Moderator Enrique, um gemeinsam gegen die überflüssigen Pfunde anzukämpfen. Neben Therapeut Abel, der die episodenhaft angelegten Geschichten miteinander verknüpft, steht vor allem Enrique im Mittelpunkt der Tragikomödie „Gordos – Die Gewichtigen”, denn ironischerweise macht ausgerechnet der dicke TV-Star Werbung für Diätpillen. Doch nicht nur das! Er hat außerdem seinen Produzenten umgebracht und beginnt auch noch eine Affäre mit dessen Witwe! Wie bei Enrique taucht man nach und nach in die biografischen Abgründe der Gewichtigen ein, die grotesken Ereignisse überschlagen sich …

Regisseur Daniel Sánchez Arévalo, dem 2007 mit seiner Coming-of-age-Story „dunkelblaufastschwarz” ein beachtliches Debüt gelang, sieht das Übergewicht in seinem neuesten Streifen als Metapher. Nicht auf die Kilos kommt es an, sondern auf das, was wir tagtäglich hinunterschlucken und in uns hinein fressen. Folglich müssen wir nicht blind abnehmen, sondern herausfinden, was uns „dick” gemacht hat. Es ist daher nicht überraschend, dass am Ende von „Gordos” beinahe alle Figuren wieder übergewichtig sind – die zusätzlichen Pfunde waren nie das Problem, es war die Selbstakzeptanz, denn zum Schluss sind die Figuren zwar dick, aber mit sich im Reinen.

Arévalos Ansatz ist durchaus gesellschaftskritisch, zumal der Schlankheits- und Diätwahn der westlichen Industriestaaten ordentlich auf die Schippe genommen wird. Das gelingt dem Spanier vor allem durch bizarre Übertreibungen, die den Film jedoch ab der Hälfte recht anstrengend machen.

Finn Bell

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