Siegessäule - „Die Suffragetten waren sehr weit in Sachen Medienaktivismus“

Film

„Die Suffragetten waren sehr weit in Sachen Medienaktivismus“


Interview mit Madeleine Bernstorff, Initiatorin der Filmreihe „Frühe Interventionen. Suffragetten – Extremistinnen der Sichtbarkeit“

SIS 21.9.2010 –

SIS: Wie kommt es, dass die Suffragetten aus Großbritannien im Kampf um das Frauenwahlrecht so eine Vorreiterinnenrolle einnehmen?  Ich denke, es hat historisch etwas mit der Idee von Demokratie in England zu tun, die damals an einem anderen Punkt war als zum Beispiel in Frankreich oder Deutschland. Es gab dort einen starken Arbeiteraktivismus. Jana Günther wird am 27. September in ihrem Vortrag „Die politische Inszenierung der Suffragetten in England“ mehr darüber erzählen, wie die Suffragetten sozusagen Strategien von der Arbeiterbewegung übernahmen. Die Arbeiterbewegung hatte ihr Zentrum in Manchester und von dort kam ja auch Emmeline Pankhurst, die große autoritäre Chefin der britischen Suffragetten. Die Suffragetten in England haben natürlich auch bewusst gegen die Karikatur von der vermännlichten, bärtigen, zu dicken oder zu hageren Frauenrechtlerin gearbeitet. Sie haben sich auf der Propagandaebene richtig viel überlegt und dadurch war natürlich auch ihre Gegenpropaganda unheimlich stark und bösartig. Die Suffragetten waren schon sehr weit in ihrer Vorstellung in Sachen Medienaktivismus. Demgegenüber gab es in Deutschland seit der Revolution von 1848 ein Vereinsverbot und Frauen durften keine Vereine gründen und in Vereinen tätig sein.

Die Filmreihe ist eine einzige Schatztruhe von kostbaren Filmen – der älteste stammt von 1900. Wie lange hat es gedauert, um all diese Filme zu bekommen? Das ist eine lange Arbeit. Ich habe schon in den 90er-Jahren in Archiven recherchiert und mich immer wieder mit dem Thema beschäftigt. Ende der 90er-Jahre hatte ich mal zwei Monate ein Stipendium vom Künstlerinnenprogramm, aber wenn man keiner Institution angehört, ist es sehr schwierig, zu jedem Archiv zu reisen und alles selbst zu finanzieren. Es war sehr viel Arbeit, allein auch die Bestellung von 70 Filmen war sehr aufwändig, deshalb wird so etwas auch so selten gemacht.

Was bedeutet diese Reihe mit Werken aus der Frühzeit des Kinos jetzt für dich? Ich wollte alle diese Filme im Kino sehen, damit man verstehen kann, was dieses frühe Kino gewesen ist, was auch an Unbürgerlichem darin steckt und wie frech dieses Kino war. Die Reihe zeigt, was frühes Kino wirklich ist, was da drinsteckt, was es für einen Spaß macht, dieses Kino anzuschauen, was sich eigentlich selbst erfindet. Das wollte ich gerne zeigen. Darüber hinaus war es mir wichtig und das ist ein bisschen versteckt im Programm, ein Paar zeitgenössische künstlerische Positionen von Frauen zu präsentieren, die vor allem zu Genderfragen in der frühen Fotografie und im Kino arbeiten. Dazu haben wir die Künstlerinnen und Theoretikerinnen Pauline Boudry und Renate Lorenz sowie Mareike Bonin im Programm.

Interview: Andrea Winter

„Frühe Interventionen. Suffragetten – Extremistinnen der Sichtbarkeit“, Filmreihe mit Klavierbegleitung, Videopräsentationen, Vorträgen und Installationen, Kuratiert von Madeleine Bernstorff und Mariann Lewinsky

23.–27.9., Zeughauskino – Deutsches Historisches Museum Berlin. Programm