Film
Ein Hauch von Sünde: „Hilde“
Kai Wessels Film mit Heike Makatsch ist eine tolle Hommage an Hildegard Knef – trotz dramaturgischer Schwächen
Sie hat sich gern zum Opfer stilisiert. Nach eigenen Angaben war sie ein Opfer der deutschen Boulevardpresse und Filmindustrie und überhaupt war sie die meistbeschimpfte Frau der Adenauer-Ära. Nicht wenige Fans und Biografen übernehmen diese Behauptungen. Dabei darf man eines nicht vergessen: Hildegard Knef hat sich auf die Darstellung verruchter, zwielichtiger Frauen spezialisiert. Selbst wenn sie eine anständige Frau verkörperte, umgab sie ein Hauch von Sünde. Solche Frauen dürfen gar nicht der Publikumsliebling sein, das wäre unlogisch. Von Hildegard Knef wollten die Fans nicht lesen, dass sie gerne putzt und kocht. Sie wollten Skandale, und wenn es keinen gab, wurde eben einer erfunden.
Gegen das Bild der geächteten Künstlerin sprechen die Rollenangebote. Allein 1952 kamen sieben Knef-Filme heraus, und das waren keine schnell heruntergekurbelten Produktionen, sondern ambitionierte Prestigefilme mit Partnern wie Hans Albers, Gregory Peck oder Ava Gardner. Sie arbeitete in Berlin, dann in Paris, London und Hollywood. Selbst ihre Biografen konnten nicht klären, wer genau für ihre Karriereplanung verantwortlich zeichnete. Der Produzent Erich Pommer („Der blaue Engel“) hat einige ihrer Projekte gefördert, doch so mächtig war er nicht, dass er ihre internationale Karriere vorantreiben konnte. Offenbar war Hildegard Knef ein Selbstläufer. Sie war einfach gut, und das sprach sich herum. Einen Lehrmeister hatte sie nie. Bereits der 1944 mit dem UFA-Nachwuchs gedrehte Kurzfilm „Schauspielschule“ präsentiert eine vollendete Diva, die alle Tricks beherrscht.
Frauen wie die Knef verirren sich nur selten in humanistische Meisterwerke. Ihr für den Oscar nominierter Film „Entscheidung vor Morgengrauen“ (1951) ist ein realistisches Soldatendrama; ein Ensemblefilm.
So sehr sie ihn verflucht hat, Knefs berühmtester Film wird wohl „Die Sünderin“ (1951) bleiben. Es war ein Skandalerfolg, ausgelöst durch den Protest der katholischen Kirche gegen wertfrei dargestellte Prostitution, Aktmalerei und Doppelselbstmord. Heute beeindruckt der Film wegen seiner formalen Exzentrik und nichtchronologischen Rückblenden. „Die Sünderin“ ist Trash mit Kunstwillen, eine Perle des Unterhaltungskinos.
In mehreren ihrer Filme gibt es lesbische Einlagen. Als „Alraune“ (1952) liegt sie mit ihrer Gouvernante im Bett, streicht ihr durchs Haar. In „Schnee am Kilimandscharo“ (1952) singt sie Cole Porters „You Do Something For Me“ und flirtet mit zwei Lesben. Schließlich verkörperte sie die unglücklich verliebte Gräfin Geschwitz in „Lulu“ (1962). Über Hildes sexuelle Identität wurde viel spekuliert. Sie besaß Züge einer Lipstick-Lesbe, die Männer benutzt, um beruflich voranzukommen. Es gab wenige ernsthafte Liebesbeziehungen in ihrem Leben; geheimnisvoll bleibt ihre Singlephase (1952–1962).
Nachdem sie sich lange an Marlene Dietrich orientiert hatte, geriet sie im Alter in die Nähe von Mae West. Frisch geliftet, ohne Kontrolle über die Gesichtsmuskeln, spielte sie in „Der Gärtner von Toulouse“ (1982) eine geile Alte, die vom Schaukelstuhl aus einen jungen Mann verführt, mit ihrer Krücke sein Hemd öffnet. An der Seite von Linda Blair und David Hasselhoff sah man sie in „Witchcraft“ (1988) als Hexe. Ihre Mittel waren begrenzt, und es wäre verfehlt, in ihr eine verhinderte Medea oder Hedda Gabler und überhaupt eine tragische Figur zu sehen. Der erste biografische Film über sie trägt diesem Aspekt Rechnung. Kai Wessels „Hilde“ konzentriert sich auf die Jahre ihres Aufstiegs, betont ihren Ehrgeiz, ihr Durchsetzungsvermögen. Heike Makatsch ist die Idealbesetzung. Sie hat eine ähnlich rauchige, herzliche Stimme und muss sich deshalb nicht unnötig verstellen. So stark ist sie in der Rolle, dass man sogar über dramaturgische Schwächen und das begrenzte Budget hinwegsehen kann.
Frank Noack
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