Siegessäule - Gar nicht ostalgisch: „Boxhagener Platz“

Film

Gar nicht ostalgisch: „Boxhagener Platz“


SIS 9.3.2010 – „Ein Berliner Heimatfilm“ heißt es auf den Plakaten zu Matti Geschonnecks Film „Boxhagener Platz“ und man denkt mit leichtem Unbehagen an ostalgischen Kitsch à la „Goodbye Lenin“ und „Sonnenallee“.

Ostberlin 1968. Der zwölfjährige Holger verbringt die meiste Zeit bei seiner resoluten Oma Otti (Gudrun Ritter), die schon fünf ihrer Männer unter die Erde gebracht hat und den sechsten gerade pflegt. Als sich der Altnazi und Fischhändler Winkler (Horst Krause) und der ehemalige Spartakusbündler Karl (Michael Gwisdek) gleichzeitig um die pragmatisch-herzliche Otti bemühen, kommt es zu einem Mordfall, an dessen Aufklärung sich die Handlung entfaltet.

Muffige Ostalgie sucht man in „Boxhagener Platz“ vergeblich, denn was der eben dort aufgewachsene Regisseur in der Verfilmung des gleichnamingen Romans von Torsten Schulz auf die Leinwand zaubert, ist ein ebenso gestochen scharfes wie zutiefst liebenswürdig-authentisches Portrait einer Übergangsgeneration zwischen Kriegsbewältigung und aufgedrückter sozialistischer Zukunftszugewandtheit. Die durch die Bank weg brillanten Schauspieler, allen voran die großartige Gudrun Ritter, machen diese vor schwarzem Humor sprühende Geschichte zu einer Ausnahmeerscheinung in der deutschen Filmlandschaft.

Jan Noll

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