Siegessäule - „Howl“ spuckte den biederen 50ern mitten ins Gesicht

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Film

„Howl“ spuckte den biederen 50ern mitten ins Gesicht


Mit tollen Darstellern und einem eigenwilligen Genre-Mix gelingt ein wunderbarer Film über Allen Ginsberg, jetzt im Kino

SIS 4.1.2011 – Am 7. Oktober 1955 zündete der 29-jährige Allen Ginsberg in einem kleinen Klub in San Francisco eine Bombe der speziellen Art, als er sein halluzinatorisches Gedicht „Howl“ zum ersten Mal vortrug, das erste Manifest einer skeptischen, rastlosen, konventionsmüden und erlebnishungrigen Generation. Als der Verleger danach wegen Verbreitung „obszöner Stellen“ vor Gericht gestellt und dann freigesprochen wurde, erhielt die Beat Generation mit einem Schlag internationale Publizität und Zuwachs.

Feier von schwuler Liebe und Lust, Drogen, enttabuisierte Rassenbeziehungen, Wahnsinn und Krankheit sind nur einige brisante Themen dieser leidenschaftlichen, mitreißenden Verskunst. Ginsberg geht souverän und frei mit der Sprache um, macht Gebrauch vom Jargon des Jazzmilieus und der Subkultur, findet aber auch immer elementare Bilder und Wortbildungen von ungewöhnlicher dichterischer Kraft. „Howl“ führte eine ganze Generation ins Freie, heraus aus Sättigung, Dumpfheit, Selbstzufriedenheit und Uniformität in das Gelände neuer geistiger Möglichkeiten und Lebensweisen.

Startschuss für die Beat Generation und Liebeserklärung

Diese jazzige, hypnotisch dahinrollende Vers-Suada ist nicht nur die Behauptung der eigenen Individualität im realen Schatten atomarer Bedohung, sondern auch ein überwältigendes Liebesgedicht für Ginbergs Lover Carl Solomon. Die beiden lernten sich in der Psychiatrie kennen und lieben, eine wahre Saison in der Hölle, aber Ginsberg beweist uns, dass der Geist der Liebe überlebt und triumphiert.

Der Ginsberg Estate bat vor neun Jahren die renommierten Oscar-Preisträger Rob Epstein und Jeffrey Friedman, eine Dokumentation zum 50. Jahrestag der Publikation des von „Howl“ zu drehen. Das Problem war, dass es zwar Fotos, aber fast kein entsprechendes Filmmaterial aus dieser Zeit gibt. Es musste also ein anderer, freier und kreativer Zugang gefunden werden.

Der Film wird Ginsberg absolut gerecht

Das Resultat ist nun eine genreübergreifende Form und eine kühne und insgesamt brilliante Lösung. Vier Erzählstränge sind ineinander verwoben: die (etwas zu lang geratene) Gerichtsverhandlung, Spielszenen mit dem jungen Ginsberg und ein erdachtes Interview, in dem der Lyriker über den kreativen Prozess, über seine Kämpfe und Befreiungsversuche spricht.

Das Glanzstück des Films ist die einen Vortrag von „Howl“ begleitende und höchst inspirierte Animation, die auf melodramatischen Zeichnungen des Ginsberg-Mitarbeiters Eric Drooker basiert. Die Darsteller spielen hervorragend, allen voran bezaubert natürlich James Franco als Ginsberg.

Egbert Hörmann

„Howl“, USA 2010, Regie: Rob Epstein/Jeffrey Friedman,
hier zu den Kinoterminen in Berlin

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