Film
„Humpday“: Zwei Heteros und ein schwuler Porno
Es geht natürlich rein um die Kunst ... des Filmemachens. Ein komischer und zugleich ernsthafter Film von Lynn Shelton
SIS 5.9.2010 – Die Ausgangssituation ist alles andere als vielversprechend: Zwei heterosexuelle Freunde, der brave Andrew und der wilde Ben, beschließen, gemeinsam einen schwulen Porno zu drehen, der auf einem alternativen Kunstpornofestival gezeigt werden soll. Das mag für sie eine wichtige Erfahrung sein, aber als Zuschauer fragt man sich, wen solch ein Film vom Hocker reißen soll. Andrew und Ben scheinen noch nie von dem Phänomen gay-for-pay gehört zu haben, also von Heteros, die sich als Stricher oder Darsteller in schwulen Pornos betätigen. Die beiden glauben allen Ernstes, die ersten Heteros zu sein, die eine derartige Grenzüberschreitung wagen.
Trotzdem ist der Film das reinste Vergnügen. Die Regisseurin Lynn Shelton nimmt ihre Figuren ernst und zeichnet sie differenziert. Andrew ist nicht ganz so spießig, wie er anfangs wirkt, und Ben, der ordinäre Säufer, Kiffer und Herumtreiber, entdeckt seine schüchterne Seite. Dass eine Frau Regie führt, merkt man an der einfühlsamen Darstellung von Andrews Lebensgefährtin Anna. In so unterschiedlichen Filmen wie „In & Out“ und „Brokeback Mountain“ ist die Frau, die ihren Mann an einen anderen Mann verliert, als lächerlicher oder hysterischer Fremdkörper inszeniert worden. Anna dagegen geht sachlich mit der Tatsache um, dass ihr Angetrauter Lust auf sexuelle Experimente verspürt, an denen sie nicht beteiligt wird. Es ist ja nicht nur der schwule Porno, den Andrew mit Ben drehen will. Er gesteht seiner Frau auch eine lang zurückliegende Schwärmerei für den Angestellten in einer Videothek. Um dem zu gefallen, ließ er sich die langweiligsten Filme andrehen und geriet dadurch in ein lächerliches Abhängigkeitsverhältnis. Anna rät ihrem Mann, seine schwulen Neigungen auszuleben, selbst wenn es das Ende ihrer Ehe bedeutet.
Schon lange war kein Film mehr so komisch und ernsthaft zugleich wie „Humpday“. Schwule Zuschauer werden zwar von der Verklemmtheit der beiden Männer genervt sein, die den Pornodreh immer wieder hinauszögern. Aber mal ehrlich: Wären Schwule und Lesben nicht genauso verlegen, wenn sie unter Alkohol einen Heteroporno ankündigen und das Versprechen einhalten müssen? Niemand ist ganz frei von sexuellen Tabus. Dieser sympathische Film rät davon ab, sie um jeden Preis zu verletzen.
Frank Noack
„Humpday“, Regie: Lynn Shelton, USA 2009, 94 Minuten, am 6.9. bei MonGay und in anderen Berliner Kinos
Mehr zur Location: Kino/Klub International
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