Siegessäule - „Ich, Tomek”: Schwule Tristesse an Polens Grenze

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Film

„Ich, Tomek”: Schwule Tristesse an Polens Grenze


Der Film ist ab 10.6. im Kino zu sehen!

SIS 3.6.2010 – Krzysztof Kieslowski, Roman Polanski, Andrzej Wajda, Agnieszka Holland oder Wanda Jakubowska: Polen ist ein großes Filmland, zahlreiche Oscars, Goldene Bären und Goldene Palmen sprechen dafür. Seit seinen Anfängen stand der polnische Film unter dem Einfluss des politischen Wandels im eigenen Land – und dieser wurde im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts besonders eindrucksvoll durch Wajdas Filme manifestiert; seine Werke waren fast schon Dokumentarfilme der explosiven Solidarnosc-Ära Anfang der 1980er-Jahre.

Auch 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kommen wichtige Filme aus Polen, doch queere Streifen haben es schwer in diesem postsozialistisch-katholisch geprägten Klima und lassen sich bislang an fünf Fingern abzählen. Polen ist ein wichtiger Standort der Filmindustrie, 2009 wurden dort 40 Langfilme gedreht. Im Vergleich zu Deutschland ist das nicht viel, im osteuropäischen Kontext stellt es damit den Spitzenplatz. Bei aller Quantität ist es trotzdem schwierig, einheimische Fördergelder zu bekommen, vor allem deshalb sind queere Filme leider Mangelware. Eine wunderbare Ausnahme ist „Homo Father“ aus dem Jahr 2005. Piotr Matwiejczyks Film über ein schwules Paar, das sich plötzlich um ein Kleinkind kümmern muss und damit in die Schusslinie homophober Nachbarn gerät, gilt als erster polnischer Schwulenfilm. Die Produktion gewann sogar beim polnischen Filmfestival in Gdynia den Spezialpreis für den besten Independentfilm.

Und jetzt kommt „Ich, Tomek“ in die Kinos. Robert Glinskis Drama erzählt die Geschichte eines Jungen, der an der deutsch-polnischen Grenze lebt. Anfangs ist er noch naiv und träumt vom Observatorium. Trotz der trostlosen und harten Umgebung, in der scheinbar jeder arbeitslos oder kriminell ist, versucht er, seinen Weg zu gehen. Als sein Traum vom Observatorium platzt, gerät er auf die schiefe Bahn und endet als Stricher. Regelmäßig kommen die schwulen Freier aus Deutschland und holen sich Tomek für einen billigen Abend über die Grenze. Ganz nüchtern zeigt der Film die Reise des Jungen in den Abgrund und den Verlust seiner kindlichen Naivität. Aus dem Kind wird schnell ein junger Mann, der mit unglaublicher Gefühlskälte seinen Weg geht. Am Ende schreckt er nicht einmal davor zurück, seinen besten Freund auf den Strich zu schicken und dafür abzukassieren. Wie viele der neuen polnischen Filme ist „Ich, Tomek“ ein starkes Stück realistisches Gegenwartskino. Einfühlsam, aber keineswegs gefühlsduselig setzt sich die neue Filmkunst auch mit der harten Realität des schwulen Lebens in Polen auseinander.

Mit den erweiterten europäischen Fördermöglichkeiten, innereuropäischen Koproduktionen und dem weiteren Einzug digitaler und damit erschwinglicher Produktionsmöglichkeiten ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis der polnische queere Film noch mehr Fahrtwind aufnimmt. So entsand auch „Ich, Tomek“ als deutsch-polnische Koproduktion. Der diesjährige TEDDY-Kurzfilm „Siemany“ war ebenfalls eine europäische Kooperation zwischen Belgien und Polen.         

Beatrice Behn/aw

„Ich, Tomek“, Regie: Robert Glinski, PL/D 2009, Edition Salzgeber,
hier zu den Berliner Kino-Terminen

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