Film
Interview mit Ulrike Folkerts, Teil 2
SIS im Nov 2008
Geht das überhaupt in der heutigen Zeit: einmal nicht die strahlende Heldin sein? ...
Wir leben in einer Gesellschaft, wo man dauernd gut drauf sein soll, toll aussehen muss, nicht älter werden darf, gerade auch in meiner Branche, immer top, wie aus dem Ei gepellt ... und das ist einfach an der Realität vorbei.
Ist das Glück abhängig von einem anderen Menschen?
Ich glaube schon, dass man das auch für sich alleine hinkriegt. Es gibt Leute, die sind glücklich auf Grund ihres Jobs. Es gibt Leute, die sind glücklich, weil sie ein Kind haben. Es gibt sicher Leute, die irgendetwas in ihrem Leben gefunden haben, was sie ganz einfach glücklich macht. Meine Erfahrung ist: Glück verdoppelt sich in dem Moment, wo man es teilt. Am schönsten ist es mit einem Gegenüber, das man liebt.
Sprechen wir mal über Ihre Rolle als Tatortkommissarin Lena Odenthal. Wie haben Sie sich mit Ihrer Rolle weiterentwickelt?
Ganz schön doll. Lena Odenthal musste natürlich alle Entwicklungsstufen einer Ulrike Folkerts mitmachen. Als ich damals angefangen habe, war ich echt eine Anfängerin, was Film betrifft. Also musste ich eine ganze Menge lernen, hatte aber Glück mit den ersten Regisseuren, die einfach an diese Figur geglaubt haben, die ich da spiele. Es hat so zwei, drei Tatorte gebraucht, bis Lena dann den burschikosen und sportlichen Touch haben durfte, den ich mitbrachte.Um mich selbst zu schützen, war ich damals härter drauf: schön rasierte Haare hinten. Ich fand’s super, ich wollte auch immer nur Hosen, Hosen, Hosen und Lederjacke. Das alles hat sich ein bisschen aufgeweicht, weil ich jetzt auch nicht mehr so viel kämpfen muss in meinem Leben. Wenn man älter wird als Frau, wird es immer besser. Dann ist man ist viel erfahrener, viel cooler, viel selbstbewusster, man findet sich schöner und sexier. Das ist alles besser geworden, und deshalb musste Lena Odenthal all diese Veränderungen mitmachen und hat wohl auch von dieser Entwicklung profitiert. Jetzt hat sie halt lange Haare.
Muss Lena Odenthal eigentlich bis in alle Tatort-Ewigkeit die einsame Kämpferin bleiben?
Das muss nicht immer so sein, aber ich hab’ mich irgendwann einmal dagegen entschieden, eine Privatstory um Lena Odenthal mitzuerzählen. Jetzt eine Liebesgeschichte anzufangen und eine Beziehung parallel zum jeweiligen Krimi fortzuführen, interessiert mich persönlich nicht. Ich möchte lieber gute Plots, gute, interessante Psycho-Geschichten, Themen für den Tatort-Abend.
Sie haben unlängst gesagt, sie wollten nicht mehr als Vorzeigelesbe agieren?
Ich bin vor 20 Jahren nach Berlin gezogen, weil ich wusste: Hier kann man Homosexualität ganz anders leben und sich dadurch ein anderes Selbstbewusstsein holen als Frau, die Frauen liebt. Damals war ich auch auf jedem CSD. Und dann merkt man, dass man als öffentliche Person benutzt wird, also auch von der Bild-Zeitung ... Da wurden Leute mit reingezogen, weil sie an meiner Seite auf dem Foto waren und ich konnte sie nicht schützen. Daneben hatte ich auch die Sorge, dass mir das beruflich schaden könnte. Ich kenne Kollegen, Männer oder Frauen, die den Teufel tun würden, mit ihrer Homosexualität an die Öffentlichkeit zu gehen. Die lügen eben und sagen, dass sie verheiratet sind, damit sie ihre Jobs bekommen. Das finde ich schon krass. Ich habe mich eine Zeit lang ganz klar entschieden, damit rauszugehen, auch in den Medien, zum Beispiel in Talk-Sendungen. Und ich habe versucht, den Klischees etwas entgegenzusetzen, etwa, dass man als Frau schlechte Erfahrungen gemacht habe mit Männern und deshalb lesbisch werden musste. Eine Weile hat mir das Freude gemacht, aber dann fand ich es zum Beispiel schwieriger, auszugehen.Ich finde es aber okay, wenn mir Frauen schreiben, dass sie in Posemuckel wohnen und nicht wissen, wie sie ihrer Ärztin erzählen sollen, dass sie sich verliebt haben und der Mann darf es auch nicht wissen. Diese Briefe beantworte ich alle selbst.
Interview: Andrea Winter
Ulrike Folkerts und Katharina Schnitzler sind am Mittwoch, 12. November um 17 Uhr zur Signierstunde in der Buchhandlung Eisenherz, Lietzenburger Str. 9A
„Glück gefunden“ (Edition Braus), 231 Seiten, 24,90 Euro
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