Siegessäule - Jean Cocteau Edition: Unterschwellige Homoerotik

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Film

Jean Cocteau Edition: Unterschwellige Homoerotik


Drei von Cocteaus Filmen mit Muse Jean Marais in der Hauptrolle wurden in der Edition neu veröffentlicht

© Pierrott Le Fou Jean Marais hier im Film „Doppeladler“

SIS 10.3.2010 – Schwule in Machtpositionen, die einen jungen Liebhaber protegieren, hat es zu allen Zeiten in allen Bereichen gegeben – hemmungslos in der bildenden Kunst, wo Maler ihren Lustknaben huldigen durften, zwangsweise diskret in der Politik und beim Militär. Filmregisseure konnten ihre Schützlinge höchstens als Regieassistent oder Kleindarsteller einsetzen; offene Liebeserklärungen waren auf der Leinwand undenkbar, weil keine andere Kunst so sehr von Sittenwächtern kontrolliert wurde wie das Kino.
Der erste schwule Filmemacher, der die Zensur überlistet und eine männliche Muse zum Star aufgebaut hat, war der Dichter und Maler Jean Cocteau, von dem eine Edition mit drei seiner Filme bei Alive erschienen ist. 1937 entdeckte er den 24-jährigen Jean Marais, finanzierte ihm Schauspielunterricht und verschaffte ihm Theatererfahrung. Dann gab er ihm die Hauptrolle in „Die Schöne und das Biest“ (1945), einem zauberhaften Märchenfilm für die ganze Familie. Da Prinzen generell etwas tuntig wirken, fiel die erotische Inszenierung des Stars nicht auf. Ein größeres Wagnis bedeutete „Der Doppeladler“ (1947), in dem ein Anarchist in die Gemächer einer Sissi-ähnlichen Königin eindringt, um sie zu töten, und sich stattdessen in sie verliebt. In dieser Rolle trug Marais kurze Lederhosen, was leicht peinlich hätte wirken können, aber er hatte kräftige Beine, und die Handlung spielte in einem bayerisch-österreichischen Fantasiestaat, da wurden nun einmal kurze Lederhosen getragen.
Garantiert wurde über Cocteau und Marais getratscht, aber es gab keine Skandale, vielleicht, weil man sich die beiden kaum als Liebespaar vorstellen kann. Sie vermittelten nicht die sexuelle Energie, die man bei Luchino Visconti und Helmut Berger spürte oder bei Pier Paolo Pasolini und seinen Strichern. Eher stellt man sich den hageren, vergeistigten Cocteau als still vor sich hinleidenden Bewunderer des Heteros Marais vor.
Er förderte auch dessen Ehe mit der Schauspielerin Maria Parély, die allerdings bald geschieden wurde und kinderlos blieb. Cocteau und Marais entsprachen dem Ideal des pädagogischen Eros. Marais wirkte niemals billig oder nuttig; er arbeitete hart an sich und wurde zu einem anerkannten Bühnenschauspieler. Cocteau stand somit nicht als schmutziger alter Mann da, sondern als jemand, der Talente fördert. Im Gegenzug half Marais seinem Entdecker, seine Drogensucht zu überwinden. Marais war ein unbestrittener Publikumsliebling, auch in Deutschland, wo er mehrere Bambis gewann. Vor allem Frauen schätzten seine nichtbedrohliche Männlichkeit. Cocteaus Tod im Jahr 1963 traf ihn persönlich schwer, behinderte aber nicht seine Karriere, die von Mantel-und- Degen-Filmen sowie der Fantomas-Serie geprägt war. Ein suggestives Foto aus den 60er-Jahren zeigt ihn am Strand mit dem jungen Udo Kier, aber was immer da gelaufen ist: Marais blieb bis zu seinem Tod diskret.
Frank  Noack

Jean Cocteau Edition, Drama, 274 Min.
Film 1: Orphee (1949)
Film 2: Der Doppeladler (1947) (OmU)
Film 3: Die schrecklichen Eltern (1948) (OmU)

Untertitel: Deutsch, Nur „Orphee“ ist Deutsch sychronisiert! Specials: Audiokommentar von Claude Pinoteau zu „Orphee“, Doku über Special Effects bei Cocteau, Interview mit Cocteaus Nichte Dominique Marny

 


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