Film
Kinofilm „Picco“ thematisiert Jugendgewalt im Knast
Keine leichte Kost: Philip Kochs „Picco“ spielt im Jugendknast und gilt als einer der beeindruckendsten Filme des Jahres. Jetzt im Kino
SIS 16.2.2011 – Jedes Jahr begehen etwa 100 Häftlinge in deutschen Gefängnissen Selbstmord, die meisten während der Untersuchungshaft. Die Zahl der Toten ist nachweisbar, ihre Motive sind es nicht. Es darf bezweifelt werden, dass es sich in all diesen Fällen um Selbsttötungen handelt. Wer Philip Kochs „Picco“ gesehen hat, in dem gleich zwei zierliche Jungen am Strick enden, der wird fortan in jedem Knasttoten ein Opfer von schwerer Nötigung sehen, wenn nicht sogar von Mord.
Dabei fängt alles so idyllisch an. Vier Jugendliche teilen sich die Zelle, sie sitzen an einem Tisch, und trotz vereinzelter Sticheleien hat man den Eindruck, hier sei die Knastwelt in Ordnung. Marc (Frederick Lau) ist aufgrund seiner Körperkraft der Anführer, niemand kann ihm diesen Rang streitig machen, doch er scheint ein liebenswerter Anführer zu sein. Draußen warten eine Freundin und ein Neugeborenes auf ihn, das nennt man eine gute Sozialprognose. Der Eindruck täuscht. Marc glaubt nicht an ein Leben nach dem Knast und ist voller Hass, der sich gegen den Erstbesten entlädt.
Keine Gnade mit dem Opfer
Dass an diesem Ort auch Intelligenz gefragt ist, macht sich Andy (Martin Kiefer, bekannt aus mehreren schwulen Filmen von Jan Krüger) zunutze. Er beherrscht die Kunst des Manipulierens. Die Opferrolle des „Picco“ teilen sich Tommy (Joel Basman) und Kevin (Constantin von Jascheroff). Beide kennen keine Gnade, wenn der andere am Boden liegt. Wer auf der Opfer- oder auf der Täterseite steht, das bestimmt der Zufall. Man muss Sadist oder Opportunist sein, um zu überleben.
Philip Koch beherrscht die Kunst der Weglassung. Er verrät nicht, was die Jungen getan haben, um im Knast zu landen. Ethnische Zugehörigkeit und sexuelle Identität spielen keine Rolle. So wie die Wärter nicht sehen können oder wollen, was mit den Schwächsten unter den Gefangenen geschieht, so schaut auch Kochs Kamera in entscheidenden Momenten weg. Eine quälend lange Vergewaltigungs- und Mordsequenz ist gerade deshalb unerträglich, weil die schlimmsten Folterungen außerhalb des Bildes stattfinden.
Frank Noack
„Picco“, Deutschland 2010, 108 Min., Regie: Philip Koch, jetzt im Kino
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