Film
„London Nights” – in ungemachten Betten zu Haus
In Alexis Dos Santos' Film über die Suche nach dem Erzeuger geht der Spanier Axl durch so einige zweisame Nächte, jetzt im Kino
SIS im August 2010 – Der deutsche Verleihtitel ist irreführend. Dieser Film wurde zwar im Londoner East End gedreht, und das überwiegend bei Nacht. Aber auf Londoner Wahrzeichen hat der aus Argentinien stammende Regisseur Alexis Dos Santos völlig verzichtet. Die Handlung könnte ebenso gut in Amsterdam oder Berlin-Kreuzberg spielen. Der Originaltitel „Unmade Beds" verweist auf den eigentlichen Schauplatz: die ungemachten Betten, in denen Axl immer wieder aufwacht, ohne zu wissen, wie er dort gelandet ist. Ungemachte Betten sind mehr als nur ein Teil der Ausstattung, sie sind ein Lebensgefühl.
An den Betten, in denen er schläft, erkennt man den Touristen. Der eine liebt es sauber und gebügelt; dem anderen macht es nichts aus, auf einem zerknitterten Laken oder auf dem Boden zu schlafen. Und Axl, ein hübscher spanischer Lockenkopf, gehört zur zweiten Kategorie. Er ist volljährig, aber immer noch rührend hilflos und anlehnungsbedürftig wie ein kleiner Junge. Wiederholt sind es Liebespaare, die ihn abschleppen, und manchmal kommt es zu einem Dreier. Ein wenig erinnert Axl an River Phoenix' narkoleptischen Stricher aus „My Own Private Idaho", nur dass er besser umsorgt wird. Niemand nutzt seine Lage aus. Alexis Dos Santos versucht in seinem Film nicht, eine packende Handlung zu erzählen. Ihm geht es mehr um eine Milieustudie. Seine wichtigste Inspiration sind Fotografien von Nan Goldin: Die Bilder sind stilvoll schmuddelig, mit interessanten Lichtquellen. Ein Hauch von Handlung kommt dadurch zustande, dass Axl in London seinen Erzeuger sucht, der einst bei einem Spanienurlaub seine Mutter geschwängert hat.
Er findet ihn auch. Axl öffnet sich dem Mann ein wenig und doch nicht ganz, er belässt es bei Andeutungen. Er braucht seinen Erzeuger nicht, nachdem er in dem Endzwanziger Mike (Iddo Goldberg) einen Ersatzvater gefunden hat. Fast sogar einen Liebhaber. Einmal, als Mike ihn tröstet, versteht Axl die Signale falsch und versucht den Freund auf den Mund zu küssen. Er ist also nicht ganz hetero, doch der Film zwingt ihm keine sexuelle Identität auf. An solchen Details scheiden sich natürlich die Geister: ZuschauerInnen, die es handfest lieben, die alles ausformuliert und drastisch vorgeführt haben wollen, die werden angeödet sein. Es ist dem Film zu wünschen, dass es genügend Publikum gibt, das Verständnis fürs Unausgesprochene aufbringt.
Frank Noack
„London Nights", GB 2008, Regie: Alexis Dos Santos, 93 Min
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