Film
„Milk“ Regisseur Gus van Sant im Interview
© © 2008 Constantin Film Verleih GmbH
SIS im Januar 2009
SIS: Gus van Sant, Sie waren schon vor einigen Jahren mit einem Film über Harvey Milk beschäftigt. Warum war damals die Zeit noch nicht die richtige?
Gus van Sant: Das hatte nichts damit zu tun, dass die Zeit nicht die richtige gewesen wäre, sondern lag einfach an dem damaligen Projekt. Die Produzenten und ich waren uneins darüber, in welche Richtung der Film gehen sollte. Aber wenn ich ein Drehbuch nach meinen Vorstellungen hätte haben können, hätte ich den Film auch schon vor zehn Jahren gedreht. Nun kreuzte zufällig dieses neue Skript von Dustin Lance Black meinen Weg – und jetzt passte alles.
Was war damals anders als beim heutigen Projekt?
Milks Geschichte ist ziemlich groß und umfangreich, und wir wurden uns nicht einig, welche Aspekte im Film im Vordergrund stehen sollten, wie man ihn erzählt. Es gab keine Drehbuchfassung, die all die unterschiedlichen Elemente – von Harveys Privatleben über die Geschichte des Castro-Viertels (Stadtviertel in San Francisco) bis hin zu entscheidenden Personen wie Anita Bryant oder Dan White – in ein passendes Gleichgewicht brachte, ohne ausufernd oder langweilig zu sein. Lance dagegen setzte seinen Fokus eindeutig auf das Politische, anhand dessen er dann so viele Facetten von Harveys Geschichte wie möglich erzählte. Für Harveys Jugend oder seine Zeit in New York, in der er z.B. der Stage Manager des Musicals „Hair“ war, blieb da so gut wie kein Platz, obwohl es natürlich viele schöne Anekdoten zu berichten gegeben hätte.
Wie haben Sie selbst die damalige Zeit in Erinnerung?
Ich lebte damals in Los Angeles und hatte gar nicht mitbekommen, dass Harvey in sein Amt gewählt wurde. Erst als er erschossen wurde, nahm ich wirklich Notiz von seiner Person, denn das war natürlich ein großes Thema in den Nachrichten. Zu jener Zeit war ich selbst noch ungeoutet und hatte deswegen mit der Schwulenbewegung oder der Szene nichts zu tun. Natürlich hatte ich vom Castro gehört, aber wie der Alltag dort aussah und wie enorm die Bedeutung von Harveys Arbeit war, wusste ich nicht.
Fiel Ihnen Ihr eigenes Coming-out später schwer?
Das kann ich im Rückblick gar nicht mehr rekapitulieren. Ich weiß aber, dass Harvey und seine Geschichte letztlich dazu beigetragen haben, es einfacher zu machen. Ich war 30 – und dass es Harvey gab, war für jeden Schwulen inspirierend.
Warum haben Sie die schwulen Rollen in „Milk“ mit heterosexuellen Schauspielern besetzt?
Nun, es gibt nun einmal nicht so viele schwule Schauspieler, die dazu auch stehen. Und von denen, die es gibt, ist keiner Star genug, um den Produzenten für so ein Thema die Geldhähne aufdrehen zu lassen. Sicherlich hätte ich auch mit Alan Cumming als Harvey einen tollen Film drehen können, aber mein Budget wäre bedeutend kleiner gewesen. Wir mussten im Rathaus von San Francisco drehen, es gab viele Massenszenen – da brauchte ich jeden Dollar!
Macht es Sie traurig, dass es nicht mehr offen schwule Schauspieler gibt? Es muss ja mehr geben als Rupert Everett, Alan Cumming und Ian McKellen ...
Das hat natürlich alles mit den Strukturen unserer Branche zu tun, nicht zuletzt dieser ganzen Promi-Kultur. Schon bei Rudolph Valentino ließ sich feststellen, dass man Schauspieler zu einem Image, einer bestimmten Persönlichkeit aufbauen kann und die Menschen dafür immer wieder Geld ausgeben. Anders als in der Musik oder am Theater wurde das Filmgeschäft so zu einer Kultur, in der es in erster Linie nicht mehr um die Kunst, sondern um den Star geht. Die Sexualität eines Schauspielers ist dabei nur Teil einer Marketingstrategie. Mich interessiert dieser Celebrity-Zirkus allerdings nicht, mir ist das Können eines Schauspielers wichtiger als sein Privatleben. Aber Harvey wäre sicher traurig. Er würde natürlich wollen, dass alle Schauspieler, alle Politiker, alle Sportler sich zu ihrer Homosexualität bekennen!
Interview: Jonathan Fink
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