Siegessäule - Oscarreifes Sozialdrama: „Precious“, aktuell im Kino

Film

Oscarreifes Sozialdrama: „Precious“, aktuell im Kino


Der Film von Regisseur Lee Daniels hat eine tolle Story, gute Schauspieler und ein bewegendes Thema

SIS 27.3.2010 – Eine 16-jährige Protagonistin, die schon zum zweiten Mal von ihrem Vater schwanger ist: solche Alptraumgeschichten sind grauenvoll, aber leider gar nicht so selten. Im Hollywoodkino haben es solche Stoffe nicht leicht, dazu kommt, dass Claireece „Precious“ Jones (Gabourey Sidibe) nicht gerade der normgerechten Kinoschönheit entspricht, denn sie ist nicht nur ein minderjähriges, schwangeres Missbrauchsopfer, sondern auch Afroamerikanerin und übergewichtig. Die Geschichte basiert auf Sapphires Roman „Push“, Regisseur Lee Daniels wollte sie unbedingt auf die Leinwand bringen und letztendlich fand er dann ja auch Geldgeber. Der Einsatz hat sich gelohnt, denn sein Sozialdrama räumte bereits etliche Trophäen ab, etwa die Hauptpreise beim Toronto Film Festival und beim Sundance Film Festival. Und nach dem Kinostart in den USA erwies es sich auch beim Publikum als Erfolg. Nun sieht es so aus, als könnte die Geschichte dieses Missbrauchsopfers im Teeniealter, das sich allen Widerständen zum Trotz in der Welt behauptet, auch in Deutschland gut laufen.

Precious ist ein geprügeltes Kind, ungeliebt, von allen ausgelacht – die Diskriminierungsfaktoren sind austauschbar. Ihr Leben ist eigentlich schon vorbei, bevor es überhaupt angefangen hat, bis sie auf einer alternativen Schule für schwangere Mädchen von ihrer verständnisvollen lesbischen Lehrerin (Paula Patton) unterstützt wird. Miss Reid bringt Precious Lesen und Schreiben bei und zeigt ihr außerdem, dass es immer Dinge gibt, für die man allen Widerständen zum Trotz kämpfen kann. Schließlich gewinnt Precious Selbstvertrauen und kommt aus New York/Harlem heraus. Der Film treibt es aber nicht zu weit mit dem Optimismus, sondern bleibt auf dem Boden. Die überragende Darstellung liefert Mo'Nique als Rabenmutter, die ihre Tochter gnadenlos beschimpft und ihr harte Gegenstände ins Kreuz schleudert. Sie ist ebenso furcht- wie mitleiderregend, wenn sie in einem langen Monolog gesteht, bei der Vergewaltigung ihrer Tochter durch den eigenen Vater weggesehen zu haben. Der Vater ist ein Monster, aber auch ihr kann man nicht verzeihen, trotzdem wird ihre menschliche Seite hinter einer unmenschlichen Fassade sichtbar. Neben Lenny Kravitz sorgt Mariah Carey in einer Nebenrolle für die größte Überraschung. Es klingt zunächst wie ein schlechter Witz, dass sie die Rolle der Sozialarbeiterin, die den Missbrauch aufdeckt, von Helen Mirren übernommen hat. Mariah Carey als Ersatz für Oscarpreisträgerin Helen Mirren – trashiger geht's nicht. Aber gerade wegen ihrer darstellerischen Unsicherheit strahlt Carey eine Verletzbarkeit aus, die man bei Mirren vermutlich nicht gespürt hätte. Ach ja:„Precious“ heißt übrigens kostbar.

Frank Noack/Andrea Winter

hier zu den Kinoterminen in Berlin