Film
Parvez Sharma über „A Jihad for Love“
SIS im Okt 2008.
„A Jihad for Love“ läuft beim One World Filmfestival in Berlin
SIS: Parvez, für „A Jihad for Love“ hast Du Lesben und Schwule in etlichen muslimischen Staaten interviewt. In welchen Ländern sind Lesben und Schwule besonders gefährdet?
Das ist schwer zu sagen, denn die muslimische Gesellschaft hat Homosexualität über Jahrhunderte hinweg toleriert. So lange man Homosexualität nicht zum Politikum macht und in die Öffentlichkeit geht, ist das auch heute noch der Fall. Wenn man unsichtbar bleibt, dann kriegt man keinen Ärger. Deshalb war es für mich als Regisseur eine besondere Herausforderung, dieses quasi veschleierte Thema durch die Kamera sichtbar zu machen.
In einigen Ländern hast Du under cover gefilmt, also ohne Erlaubnis. Dass war nicht nur für deine Protagonisten gefährlich, sondern auch für Dich. Hattest du manchmal Angst?
Ja klar, ich befand mich in einem echten Zwiespalt und habe lange darüber nachgedacht, ob ich das Leben meiner Interviewpartnerinnen und –partner in Gefahr bringe. Deshalb haben ja einige ihr Gesicht nicht filmen lassen, es wäre zu gefährlich für sie gewesen. Es war ein langer Prozess, bis ich ihr Vertrauen besaß. Wäre ich nicht selbst schwul und muslimisch, würde es den Film wohl überhaupt nicht geben. Es war mir sehr wichtig, auch lesbische muslimische Frauen im Film zu haben, aber sie zu finden, war eine der größten Schwierigkeiten. Bei Maryam zum Beispiel, der marokkanischen Frau, die in Paris lebt, dauerte es vier Jahre, bis sie sich von mir interviewen ließ. Das Wort „lesbisch“ wollte sie aber nicht aussprechen.
Wie hast Du die Protagonisten deines Films gefunden?
Durch Networking zu Untergrund-Kontakten in diesen Ländern. Emails, Telefonate, persönliche Kontakte zu Frauengruppen und Aktivisten im HIV- und Aidsbereich.
Deine schwul-lesbischen Interviewpartner sind fast alle überzeugte Muslime ...
Ja, das war mir wichtig. An erster Stelle kam ihr Coming-out als Muslim, an zweiter Stelle das als Lesbe oder Schwuler. Ich wollte meinen Film aus der muslimischen Community heraus machen und mich nicht von außerhalb dem Thema nähern. Auf der einen Seite wollte ich mich kritisch mit dem Islam auseindersetzen, auf der anderen Seite auch Verständnis mitbringen.
Wie ist dein eigenes Verhältnis zum Islam?
Ich bin in einer toleranten Familie aufgewachsen, in der alle Religionen akzeptiert wurden. Mein Vater war Hindu, meine Mutter war Muslimin. Nach ihrem Tod habe ich zum Islam gefunden. Ich hatte aber immer eine gesunde Distanz zur Religion, das war eine gute Grundlage, um „A Jihad for Love“ zu drehen, weil ich den Zwiespalt kenne, in dem sich viele befinden, nämlich muslimisch und gleichzeitig lesbisch oder schwul zu sein. Jetzt wird der Film weltweit gezeigt, und dadurch wird weltweit über Homosexualität im Islam diskutiert. Das war auch höchste Zeit.
Der Islam wird seit den Anschlägen vom 11. September in der westlichen Welt misstrauisch beäugt. Du lebst in New York und hast damals quasi vor Ort miterlebt, wie schnell man als bärtiger Muslim zum potenziellen Terroristen erklärt werden kann.
Ja, ich lebe seit 2000 in den USA, ein Jahr darauf fanden die Anschläge vom 11. September statt. Danach habe ich gemerkt, dass der politische Diskurs über den Islam extrem problematisch wurde. Und ich bin der Meinung, dass Präsident George Bush und Osama bin Laden sozusagen Spiegelbilder sind: beide sprechen über die selbe Art von Islam. Das ist ein gewalttätiger Islam, der Minderheiten unterdrückt. Auf jeden Fall sprechen die beiden nicht für die Mehrheit der Muslime.
Sind die schwul-lesbischen Communties in der westlichen Hemisphäre anders als in den islamischen Ländern?
Ja, völlig anders, dort gibt es keine politischen Organisationen und keine Labels wie im Westen. Und die Gesellschaften dort haben die Erwartung, dass man heiratet, deshalb leben viele, die vermutlich lesbisch oder schwul sind, in einer Hetero-Ehe.
Interview: Andrea Winter
Hier zum Blog von Parvez Sharma über seinen Film und die Reaktionen darauf: www.ajihadforlove.com
Das Festivalprogramm unter: www.oneworld-berlin.de
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