Film
Rückenwind: Großes Naturkino um ein schwules Paar
SIS im Juni 2009 – Manche Schwule wollen nicht wahrhaben, dass sie älter werden und sich irgendwann nicht mehr als Jungen bezeichnen sollten. In ihren Kontaktanzeigen steht: „Jeansboy, 45, sucht Boy bis 30“. Jan Krüger setzt mit seinem zweiten Langfilm „Rückenwind“ ein Zeichen gegen diesen Trend. Seine Hauptdarsteller sind zwar noch sehr jung: Eric Golub (Robin) ist Jahrgang 1987, Sebastian Schlecht (Johann) Jahrgang 1985. Aber sie sind nicht süß und wecken keine Beschützerinstinkte. Eitel sind sie erst recht nicht. „Rückenwind“ handelt von zwei jungen Männern, die einen Fahrradausflug durch die Wälder Brandenburgs unternehmen. Eigentlich wollten sie zelten, aber sie haben die Zeltstangen vergessen. Dann finden sie ihre Räder nicht mehr. Sie geraten deswegen nicht in Panik. Robin ist der Robustere von beiden, und der ganze Ausflug erweist sich als Reifeprüfung, die Johann bestehen muss. Robin fesselt seinen Freund und beschmiert ihn mit Schlamm. Viel erfährt man nicht über das Paar. Auf jeden Fall sind sie nicht harmlos. In einer unerwarteten, verstörenden Szene stellen sie sich einem älteren Ehepaar in den Weg, das mit Fahrrädern unterwegs ist, und verlangen die Herausgabe von Proviant. Schließlich erreichen sie einen Bauernhof, den die alleinstehende Mutter Grit (Iris Minich) mit ihrem pubertierenden Sohn Henri (Denis Alevi) betreibt.
Mutter und Sohn gehen locker damit um, dass ihre Besucher ein schwules Paar sind. Grit spritzt mitten auf dem Hof ihre nackten Körper mit dem Wasserschlauch ab und abends setzt sie sich zu ihnen ans Bett. Robin, der Hallodri, flirtet mit der Mutter und später auch mit dem Sohn. Johann, die treue Seele, schaut derweil eifersüchtig zu. Jan Krüger lässt es offen, was genau zwischen den Figuren passiert. Er beherrscht die Kunst der Weglassung. Nichts wird zerredet, es gibt keine Botschaft. Mit dem Ergebnis, dass man sich lange über den Kinobesuch hinaus mit dem Film beschäftigt.
Ein weiteres Plus ist Krügers Bildsprache; sie hebt sich wohltuend vom üblichen schwulen Kino ab, das allzu oft von Zimmertheater- und Sitcom-Erfahrung geprägt ist. Seine Vorbilder scheinen Naturmystiker wie John Boorman, Werner Herzog und Terrence Malick zu sein. Die Natur entwickelt ein Eigenleben, ist abwechselnd idyllisch und bedrohlich, und die beiden furchtlosen Nachwuchsdarsteller sind bereit, sich ihr auszuliefern. Das ist großes Kino, billig hergestellt in zwei Wochen.
Frank Noack
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