Siegessäule - Rupert Everett steht auf Gay-Skinheads aus Leipzig

Film

Rupert Everett steht auf Gay-Skinheads aus Leipzig


Der schwule Schauspieler im Interview über Gay Skinheads, über Berlin und seinen neuen Film „In guten Händen”, noch im Kino

Szenenbild aus „In guten Händen”

siegessaeule.de 16.12.2011 –
Rupert, bei „In guten Händen“ stehen die Bedürfnisse und die Psychologie der Frau im Zentrum. Verstehen Sie die Frauen?

Rupert Everett: Überhaupt nicht.

Echt? Wir dachten, Sie wären gut darin …
Wissen Sie, ich verstehe nicht einmal mich selbst. Erst heute Morgen, als ich während meiner Meditation aus dem Fenster schaute, wurde mir mal wieder klar, wie wenig Ahnung ich eigentlich von mir selbst habe. Und Frauen verstehe ich erst recht nicht. Oder eben nur so wie jeder andere Mann auch: ich habe eine Cartoon-Version von einer Frau im Kopf.

Glauben Sie denn, dass Männer Frauen verstehen können?
Keine Ahnung. Wenn Frauen Männer ansehen, stöhnen sie immer nur: „Du Dummkopf!“ Derweil latschen Männer durchs Leben, ohne überhaupt nachzudenken. Frauen folgen scheinbar dem inneren Zwang, Männer zu analysieren. Heterosexuelle Männer dagegen haben einen Horizont, der über die eigene Person nicht hinausreicht. Der Blick auf die Frau bleibt an der Cartoon-Oberfläche hängen: Klagt eine Frau über Kopfschmerzen, sagen die Männer: „Sie hat ihre Tage.“

Dem Klischee nach haben doch aber Schwule und Frauen einen besonderen Draht zueinander. Da ist nichts dran?
Ein paar Vergleichswerte gibt es schon. Weil ich ein fünfzigjähriger schwuler Mann bin, kann ich mir ungefähr vorstellen, wie es einer fünfzigjährigen Frau geht. Zumindest in Sachen Selbstbewusstsein. Denn eines haben Frauen und Schwule gemein: Ab einem ­bestimmten Alter werden sie weniger wahrgenommen. Verstehen Sie, was ich meine?

Prinzipiell schon. Aber gilt das für Schwule tatsächlich im gleichen Maße wie für Frauen?
Klar, auch die Schwulenszene ist Jugendmarkt. (lacht) Es dreht sich überall alles um die Jugend. Wenn man älter wird, ist das wie bei einem Fernseher, wo der Farb- und Helligkeitsregler runtergedreht wird. Das geht schon in Ordnung, denn man kann noch was erkennen. Man muss sich nur daran gewöhnen. Aber Frauen und Schwule befinden sich da immer noch in einem anderen Lager als heterosexuelle Männer.

Das klingt, als hätten Sie Angst, mit dem Alter langsam zu verblassen und unsichtbar zu werden …
Oh ja, absolut. Ich bin schon fast unsichtbar. Aber die Farbe kommt noch einmal zurück, da bin ich mir sicher! (lacht)

Sie spielen in „In guten Händen“ den adligen Lord Edmund St. John-Smythe. In Ihrer Familie finden sich auch adlige Vorfahren, sogar aus Deutschland, oder?
Ja, das stimmt. Aber ich kenne sie nicht. Vermutlich lebt von denen auch keiner mehr. Schade eigentlich, denn ich wäre unglaublich gern Deutscher!

Ein deutscher Adliger oder ein normaler Deutscher?
Am liebsten wäre ich ein ostdeutscher Skinhead.

Was finden Sie denn an denen anziehend?
Sie sind einfach sexy. Schwule Skinheads jedenfalls. Ich war in Leipzig auf einer Party von und für schwule Skinheads – verdammt sexy!
Apropos Ostdeutschland: Sie wollten sich dort doch mal ein Haus kaufen …
Das war in Mecklenburg. Freunde von mir wollten sich dort ein Haus kaufen, ich wäre dann in das kleine Haus nahe dem Haupthaus eingezogen. Aber sie haben es dann doch nicht gemacht.

Wie sieht Ihre Beziehung zu Deutschland aus?
Ich bin oft in Berlin, nicht zuletzt weil ich da Freunde habe. Und ich bereite einen Film über das Leben von Oscar Wilde vor, den ich über die Zeit nach seinem Gefängnisaufenthalt geschrieben habe. Die Produzenten kommen aus Deutschland. Ich bin zum ersten Mal 1989 nach Berlin gekommen, zufälligerweise genau dann, als die Mauer fiel. Seitdem bin ich regelmäßig hier, denn Berlin gehört weltweit ohne Frage zu meinen Lieblingsstädten.

Rupert Everett mit Hugh Dancy (li.)

Wie würden Sie den Geist Berlins beschreiben?
London und Paris sind durch den Kapitalismus zu Hochzeitstorten verkommen, in ihrer Mitte leben lauter Reiche, die Armen leben außerhalb. Sie sind voll von teuren Läden und Dingen, die Stimmung ist hart und brutal. Berlin war nie eine so erfolgreiche Stadt im modernen Sinn, denn dort ist nicht genügend Industrie angesiedelt. London war genauso in den 70ern, die Mischung der Bevölkerung war noch wesentlich angenehmer, weil sich dort Arm und Reich viel mehr durchmischt haben. An so einem Ort floriert die Kunst, weil das Leben nicht zu teuer ist.

Aber trifft das wirklich noch auf Berlin zu?
Noch ja, aber das könnte sich ändern. Ich mag den Bürgermeister von Berlin, aber ich befürchte, er möchte die Stadt an den Rest Europas anpassen. Das wäre furchtbar! Berlin hat etwas Wertvolles so, wie es ist; in der Stadt lässt sich wunderbar leben. Ich steige immer im schönen Hotel „Bogota“ am Ku’damm ab, das mich sehr an die Hotels erinnert, in denen ich während meiner Studentenzeit gewohnt habe. Daneben war früher dieser außergewöhnliche Titten-Nachtclub. Vor vier Jahren wurde er von einem luxuriösen Laden für Küchenzubehör abgelöst. Das ist typisch für den kapitalistischen Wandel der Städte und hat ihnen den Charme genommen.

Worum genau geht es in dem Oscar- Wilde-Film?
Er dreht sich um die letzten drei Jahre in seinem Leben, als er in Paris lebte. Mit besonderem Augenmerk auf die letzten zehn Tage seines Lebens und Wildes Tod. Ich liebe diese Geschichte. Da gibt es durchaus Parallelen zu „In guten Händen“ und dem Beginn der Frauenbewegung. Denn auch Homosexualität war damals ja niemandem ein Begriff. Vor Oscar Wilde gab es dieses Wort nicht, das vergisst man leicht. Heute halten wir es für normal, dass jeder darüber redet, aber im 19. Jahrhundert war das nicht der Fall. Menschen wie wir führten damals ein geheimes Parallelleben.

Und Wilde hat das verändert?
Oscar Wilde wurde wegen seiner Homosexualität ins Gefängnis gesteckt, ging für die letzten drei Jahre seines Lebens nach Frankreich und wurde von der Gesellschaft als schreckliches Monster gebrandmarkt. Wo immer man ihm auf der Straße begegnete, zogen die Menschen hektisch ihre Kinder an sich. Es ist unglaublich, wie er behandelt wurde! Aber in seinem Umgang damit liegen auch die Anfänge der Schwulenbewegung! Der Film wird nicht nur davon handeln, aber dieser Aspekt fasziniert mich besonders.

Bewundern Sie Wilde?
Ich bewundere ihn nicht, denn er hat sich auch ein wenig zum Narren gemacht. Er war geblendet von seiner Borniertheit. Aber das ist nur menschlich, wir alle sind manchmal geblendet von Borniertheit und Ruhm. Das weiß ich aus eigener Erfahrung, schließlich ging es mir früher genauso!
Interview: Mariam Schaghaghi und Patrick Heidmann


Kinostart: 22.12, hier zu den Kinoterminen in Berlin