Film
Sprich mit mir: Michael Stocks Film „Postcard to Daddy”
Der Dokumentarfilm und ELSE-Gewinner jetzt im Kino!
© Brigitte Dummer Michael Stock mit der ELSE, dem Leser- und Leserinnenpreis der Siegessäule, der bei jeder Berlinale verliehen wird
SIS 19.5.2010 – Für viele war Michael Stocks Dokumentarfilm „Postcard to Daddy“ der eindrucksvollste Film der diesjährigen Berlinale. Über zwei Jahrzehnte hat es gedauert, bis Michael Stock den sexuellen Missbrauch durch seinen Vater aufarbeiten und diesen sogar vor der Kamera dazu befragen konnte. Seitdem haben sich zahlreiche Betroffene bei Michael Stock bedankt und die Siegessäule-Leserinnen- und Leserjury zeichnete seinen Film mit dem offiziellen Berlinale-Preis ELSE aus.
Michael, unsere Jury betonte in ihrer Laudatio, dass du keine Metaphern benutzt und in deinem „traurigen, aber stets hoffnungsvollen Film endlich mit dem Schweigen und der Tabuisierung von sexuellem Missbrauch“ brichst und „einen Weg heraus aus der Opferrolle und hinein in ein neues Leben“ aufzeigst. Es war die beste Laudatio beim TEDDY AWARD und ich habe mich wahnsinnig über den Preis gefreut!
Es ist ja wirklich außergewöhnlich, dass du als Missbrauchsopfer deinen Vater dazu bringst, auch noch vor der Kamera darüber zu sprechen. Wie hat er reagiert, seit dein Film bei der Berlinale für Aufsehen sorgte? Ich habe ihm den Raum und die Möglichkeit gegeben, dazu Stellung zu nehmen, und dafür hat er sich für mich zumindest ein kleines Stück rehabilitiert. Das hat er auch erkannt und deswegen habe ich Respekt vor ihm. Man kann eine Menge bewegen, indem man Täter dazu bringt, sich zu artikulieren. Als ich ihn fragte, ob er die Rechteerklärung unterschreibt, sagte er ja, wenn es dir hilft und besser damit geht. Seitdem habe ich ihn auf dem Laufenden gehalten, aber manchmal hatte ich auch schon Angst, dass bei ihm irgendwann der Mob vor der Tür steht und die Bude anzündet.
Angesichts der aktuellen Missbrauchsskandale gehört das einsichtige Verhalten deines Vaters zu den Ausnahmen. Aber warum hast du ihn nie angezeigt? Es gab viele Reaktionen von Betroffenen und Nichtbetroffenen, die das nicht verstehen können. Mir wurde erst mit 19 klar, dass ich das Opfer sexueller Gewalt bin. Ich habe mich geschämt. Ich dachte wegen meiner eigenen sexuellen Empfindungen, die ich ab der Pubertät hatte, ich sei auch schuld daran. Mit Anfang 20 wäre ich gar nicht in der Lage gewesen, einen Prozess durchzustehen, zwei Jahrzehnte später kann ich entspannter daran gehen.
Um sexuellen Missbrauch soll es auch in einem zukünftigen Filmprojekt gehen. Ja, nicht nur aufgrund der vielen Reaktionen plane ich derzeit einen Film, der dann aber mehr aus der fachlichen Perspektive kommen soll, in Zusammenarbeit mit Beratungsstellen oder vielleicht auch mit der Charité. Dort wird in diesem Bereich geforscht und präventive Vorsorge betrieben, indem man versucht, an die Täter heranzukommen. Natürlich ist es wichtig, Täter strafrechtlich zu verfolgen, ich halte es aber auch für sinnvoll, präventiv zu arbeiten, damit Menschen mit pädophilen Neigungen früh genug erkennen, dass sie sich helfen lassen können.
Interview: Andrea Winter
Hier zu den Berliner Kinoterminen
Nachdem „Postcard to Daddy“ beim TEDDY AWARD mit der ELSE ausgezeichnet wurde, erhielten wir Post von Lesern, die uns baten, über das Thema sexueller Missbrauch in der Familie zu berichten. In der aktuellen Siegessäule haben wir einige Betroffene befragt und gebeten, uns ihre Geschichten zu erzählen. Nachzulesen in Siegessäule Mai 2010.
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