Film
„The Kids Are All Right“: Grandioses Feel-Good-Kino
Der TEDDY-Gewinner der Berlinale jetzt im Kino
SIS im November 2010 – Wer mit dem Gedanken an den Indie-Klassiker „High Art“ (1998) ins Kino geht, könnte von „The Kids Are All Right“ enttäuscht sein. Lisa Cholodenkos Erstlingsfilm war eine kleine Produktion mit großer emotionaler Wucht und einer unvergesslichen Liebesszene. Im neuesten Werk der US-amerikanischen Regisseurin scheitert der Sex zwischen Nic (Annette Bening) und Jules (Julianne Moore) schon auf halber Strecke. Zu sehen gibt es dafür: Sex zwischen Jules und dem knackigen Paul (Mark Ruffalo) und einen trashigen Schwulenporno. Aber das ist Teil der Geschichte, denn im Mittelpunkt der solide und pointiert geschriebenen Tragikomödie steht eben nicht das noch frische Verlangen zweier Frauen – sondern ihre langjährige Ehe- und Familienroutine, die plötzlich auf die Probe gestellt wird.
Jules und Nic sind seit 20 Jahren ein Paar: bürgerlich, linksliberal und ihren Kindern gegenüber bemüht verständnisvoll. Die Beziehung zwischen der bislang erfolglosen Landschaftsarchitektin und der überarbeiteten Ärztin hat alle Mühen des Alltags ausgehalten, allerdings mit nicht unbeträchtlichen Erosionserscheinungen in Sachen Leidenschaft und gegenseitiger Aufmerksamkeit. Da nehmen Sohn Laser und Tochter Joni hinter dem Rücken ihrer alternativ-konservativen „Mom’s“ Kontakt zu ihrem biologischen Vater auf. Der damals anonyme Samenspender erweist sich als blendend aussehender, motorradfahrender Biorestaurant-Besitzer mit allumfassendem Charme. Joni und Laser freunden sich schnell mit dem neuen coolen Dad an. Doch bevor hier eine Patchwork-Familie wie aus dem Bilderbuch entsteht, beginnen Paul und Jules eine Affäre. Die Krise schlägt zu und erfasst alle Figuren.
„The Kids Are All Right“ ist ein großer Schritt des queeren Kinos Richtung Mainstream. Der Film, der den Spielfilm TEDDY der diesjährigen Berlinale gewann und von Kritik und Publikum mit viel Begeisterung aufgenommen wurde, kommt weder politisch oder subversiv, noch mit rauem Independent-Appeal daher. Dafür wirft die großartig gespielte Komödie einen satirisch zugespitzten, aber immer sehr menschlichen Blick auf ganz universelle Probleme von Langzeitbeziehungen, auf die Unwägbarkeiten des Familienlebens und des Älterwerdens. Beim Plot konnte Lisa Cholodenko, die auch das Drehbuch schrieb, auf eigene Erfahrungen zurückgreifen: Ihr Kind, das sie mit ihrer Lebensgefährtin hat, ist aus einer Samenspende entstanden. Und schließlich bleibt selbst die Frage, warum Lesben sich durchaus an Schwulenpornos erfreuen können, nicht ungeklärt.
Kittyhawk
The Kids Are All Right, hier zu den Kinoterminen in Berlin
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