Siegessäule - „William S. Burroughs – A Man Within”, noch im Kino

Film

„William S. Burroughs – A Man Within”, noch im Kino


Yoni Leysers Dokumentation über William S. Burroughs, den erstaunlich queeren Autoren der Beat-Generation

siegessaeule.de 2.1.2012 – William S. Burroughs, der als Autor von „Junkie“
und „Naked Lunch“ die Gegenkultur des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägte, ist trotz der frühen und expliziten literarischen Verhandlung homosexueller
Praktiken nie zu einer queeren Ikone geworden. Erste akademische Versuche, ihn innerhalb eines queeren Kanons zu platzieren, sind kaum älter als ein paar Jahre. Neben experimentellen literarischen Techniken ist es auch das medial vermittelte Bild von Burroughs, das eine Klassifikation erschwert. Der Mann, der in den 50er-Jahren über Drogensucht, bizarre Sexpraktiken oder sprechende Rosetten sinnierte, wirkt auf Fotos wie ein Abziehbild des ultrakonservativen Amerikas, das er mit seiner Prosa herausforderte. Seine in späteren Jahren immer leichenhafter werdenden Züge erscheinen als Antidot zu jugendlich-romantisierter Todessehnsucht und positiv belegtem Rebellentum. Gleichsam musste ein solch eigenwilliger Außenseiter eine nach sperrigen Figuren gierende queer culture in besonderem Maße reizen.

Auch Burroughs ehemalige Liebhaber kommen zu Wort

Yony Leysers Dokumentarfilm „William S. Burroughs: A Man Within“ folgt dem Trend der letzten Jahre und legt das Augenmerk verstärkt auf Burroughs’
problematisiertes Verhältnis zu Sexualität und Liebe wie auf dessen Außenseiterstellung. Als Interviewpartner standen herausragende Persönlichkeiten einer queer-feministischen Avantgarde zur Verfügung, darunter Laurie Anderson, Genesis P-Orridge, Patti Smith und John Waters. Sie treten nicht einfach als Fans auf, sondern als Freunde und Bekannte, die mitunter intime Details preisgeben, wie Patti Smith, die gesteht, heimlich in William verliebt gewesen zu sein. Was in der Anhäufung durchweg interessanter Anekdoten – auch ehemalige Liebhaber kommen zu Wort – aber verloren geht, ist Burroughs’ literarisches Werk. Die queere Sensibilität in seinen Büchern oder überhaupt eine Betrachtung der literarischen Formen und Inhalte wird bestenfalls am Rande gestreift. Leysers Film ist ein zur Ikonisierung neigender Tribut an Burroughs’ Leben, an seinen Einfluss auf zeitgenössische Kulturströmungen, aber auch an die Weigerung, sich von ihnen vereinnahmen zu lassen. Formal kontrastiert er die obligatorischen talking heads mit zum Teil unveröffentlichten Archivaufnahmen, Fotos, kurzen Animationssequenzen. Die Chronologie der Ereignisse tritt zugunsten thematischer Schwerpunkte zurück. Eine übersichtliche Vorgehensweise, die Neueinsteigern in Burroughs’ Werk den Zugang erleichtert, aber im Rahmen
eines konventionellen dokumentarischen Kinos bleibt und nur bedingt nach filmischen Äquivalenten zu dessen literarischen Experimenten sucht.

„William S. Burroughs: A Man Within“ ist ein schöner, aufregender, in Bezug auf die Privatperson durchaus erhellender Film, der allerdings in seiner
Form auch einem weniger subversiven Autor gerecht geworden wäre.
Andreas Scholz

„William S. Burroughs – A Man Within“,

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