Siegessäule - Zwangsheirat und Ehrenmorde: „Die Fremde“ jetzt im Kino

Film

Zwangsheirat und Ehrenmorde: „Die Fremde“ jetzt im Kino


TERRE-DES-FEMMES-Botschafterin Sibel Kekilli in einem Film über den Kampf einer jungen Deutschtürkin um ein selbstbestimmtes Leben

SIS 17.3.2010 – Immer wieder berichten die Medien über sogenannte Ehrenmorde – es handelt sich um Verbrechen an meist jungen muslimischen Frauen, die von ihrer eigenen Familie ermordet werden. Verbrechen, die im Namen der „Ehre“ begangen werden.

In Deutschland gab es im Jahr 2009 erwiesenermaßen 25 solcher Ehrenverbrechen, international spricht man von 5.000 bestätigten Vorfällen; die Dunkelziffer ist vermutlich um einiges höher. Das Land, das diese erschreckende Bilanz anführt, ist Pakistan.

Was in einer Familie geschieht, bis sie sich zu diesem tödlichen Schritt entschließt, zeigt die Regisseurin Feo Aladag in ihrem Kinodebüt „Die Fremde“. Der Streifen feierte auf der Berlinale seine umjubelte Weltpremiere und läuft seit 11. März bundesweit in den Kinos. Im Mittelpunkt der bewegenden Geschichte steht eine türkische Familie mit strenger patriarchaler Ausrichtung. Hauptfigur ist die 25-jährige Deutschtürkin Umay (Sibel Kekilli), die das Eheleben mit ihrem rücksichtslosen Gatten in Istanbul nicht länger erträgt und heimlich nach Deutschland zurückkehrt.

Als sie eines Tages mit ihrem kleinen Sohn Cem (Nizam Schiller) vor der Tür ihrer Eltern in Berlin steht, glauben alle an einen Überraschungsbesuch. Die Möglichkeit, dass Umay ihren Mann verlassen möchte, scheidet vollkommen aus. Doch Umay kann ihre Pläne nicht lange verheimlichen, hat aber keinen familiären Rückhalt, ganz im Gegenteil: Das Entsetzen über ihre geplante Trennung vom türkischen Ehemann ist groß, denn schließlich steht die Ehre der Familie auf dem Spiel.

Nach ihrer Rolle in Fatih Akins „Gegen die Wand“ beweist Sibel Kekilli in „Die Fremde“ erneut, dass sie eine starke, irgendwie ideale Besetzung für solche Rollen ist: Überaus glaubwürdig und authentisch spielt sie die Rolle der furchtlosen jungen Frau, die sich wahrhaft todesmutig gegen die frauenfeindlichen Traditionen und Wertvorstellungen ihrer Kultur und einen längst überholten Begriff von angeblicher Ehre auflehnt und versucht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Allerdings birgt Feo Aladags Film auch zwiespältige Passagen, die ärgerlich stimmen: Umay wirkt wie eine moderne Frau aus dem Westen, sie ist gebildet, Akademikerin und dazu noch schön wie Ebenholz. Ihr Ehemann in Istanbul dagegen hat dunkles Haar und wirkt insgesamt düster, das erinnert wieder an das Dunkel-Bedrohliche des bösen archaischen Islam im Gegensatz zum guten modernen Westen. Und Umays Vater schließlich reist erst zurück zu den eigenen Wurzeln in die ferne Heimat, wo er einsam auf einem Berg den Ehrenmord an seiner Tochter beschließt. Braucht man diese visuelle Schwarzweißmalerei, um in der westlichen Hemisphäre einen erfolgreichen Film über veraltete und frauenfeindliche Traditionen aus der Türkei zu machen?

Sibel Kekilli setzt sich auch privat für die Rechte der Frauen weltweit ein und fungiert seit 2004 für TERRE DES FEMMES als Botschafterin gegen Ehrverbrechen und Zwangsheirat. Seit fast zehn Jahren berät die Frauenrechtsorganisation hilfesuchende Mädchen und Frauen. Insbesondere in den Sommermonaten melden sich fast täglich Betroffene, die eine bevorstehende Zwangsheirat im Heimatland ihrer Eltern befürchten. „Doch noch immer bieten die deutschen Gesetze keinen hinreichenden Schutz. So verweigert der deutsche Staat jungen Frauen ohne deutschen Pass nach sechs Monaten die Wiedereinreise", so Stolle.

Andrea Winter

Jetzt im Kino

Informationen zu den Themen Ehrenmord und Zwangsheirat bei Terre des Femmes e.V. und Amnesty International