Siegessäule - 1000 Jahre schwule Liebe im Islam

queere welt

1000 Jahre schwule Liebe im Islam


Vor der westlichen Dominanz im Orient sei Homoerotik dort kein Problem gewesen, sagt Arabistikforscher Prof. Thomas Bauer

Verbirgt sich hier vielleicht ein homoerotisches Liebesgedicht?

siegessaeule.de 18.11.2011 – Für die Zeit von 800 bis 1800 ist in der islamischen Kulturgeschichte „keine Spur von Homophobie zu erkennen“ – zu diesem Forschungsergebnis kommt der an der Uni Münster lehrende Arabistikforscher Prof. Thomas Bauer.

Der Islam sei, so Bauer, mehr als 1000 Jahre lang tolerant gegenüber Homosexuellen gewesen. „Dass es heute in muslimischen Ländern handfeste Schwulen-Verfolgungen bis hin zu Hinrichtungen gibt, lässt sich nicht auf eine lange religiöse oder kulturelle Tradition zurückführen“, sagte der Arabistikforscher. Der Islam blicke stattdessen „auf eine tausendjährige Geschichte reicher homoerotischer Kultur zurück“. Für die Zeit vor 1979 sei kein Fall bekannt, in dem ein Mann aufgrund von einvernehmlichen Sex mit einem anderen Mann angeklagt worden sei. Tatsächlich habe es „über tausend Jahre eine reiche homoerotische Literatur“ gegeben, „Dichter aller sozialer Schichten verfassten unzählige Liebesgedichte auf junge Männer.“ Als Beispiele führt Bauer das Epigramm eines Baumeisters auf einen hübschen Steinmetz und das Gedicht eines Religionsgelehrten an einen Moscheelampen-Anzünder an.

Homophobie als ein West-Import

Heutige Schwulenfeindlichkeit in islamischen Ländern sei erst durch den Einfluss des Westens entstanden, glaubt Bauer. Die wirtschaftliche und militärische Dominanz des Westens sei im 19. Jahrhundert bestimmend geworden und der Westen habe zeitgleich einen „Kampf gegen den unordentlichen Sex“ im Nahen Osten geführt. „Mit einem moralischen Überlegenheitsgefühl trat der Westen gegenüber dem vermeintlich dekadenten Orient auf, arabische Intellektuelle und Politiker verordneten ihren Landsleuten rasch diese Moral“, sagt Bauer.

Heute, so Bauer, werde der Lebensstil schwuler Männer etwa vom iranischen Regime oder von den Taliban-Milizen als „verwestlicht“ abgelehnt. Sexuelle Emanzipation sei „in Beirut, Kairo oder Casablanca nur ein Thema für hippe Kids der Oberschicht“, so Bauer.
ds/dpa