Siegessäule - Interview mit Twiggy zu ihrem Album „Romantically Yours”

queere welt

Interview mit Twiggy zu ihrem Album „Romantically Yours”


Die Schauspielerin, Sängerin und 60er-Jahre-Modelikone Twiggy veröffentlicht ein neues Album

Klamotten, TV-Shows, Mucke, Parfum: Twiggy ist mit 62 noch voll im Business

siegessaeule.de 26.2.2012 – Sie spielte am Broadway, wurde mit zwei Golden Globes ausgezeichnet und gastierte in Kultserien wie „Die Nanny“ und „Absolutely Fabulous“. Dennoch blieb Twiggy immer das legendäre 60er-Jahre-Magermodel. Siegessäule-Redakteur Jan Noll traf die Style-Ikone zum Interview im Berliner Hotel Concorde.

Twiggy, „Romantically Yours“ ist dein erstes neues Album seit zwölf Jahren und alles, was eine deutsche Tageszeitung dazu headlined, ist: „Ex-Magermodel steht zu ihren Falten“. Geht dir das nicht auf den Geist?
(lacht) Ich bin daran gewöhnt. Wenn ich mich darüber aufregen würde, was die Presse schreibt, dann würde ich das nicht mehr machen können, was ich tue. Man kann es eben nicht jedem recht machen.

Deine neue CD ist eine Zusammenstellung deiner liebsten Popsongs und Easy-Listening-Standards.
Das liegt an meiner speziellen Musikgeschichte. Mein musikalisches Debüt war die Hauptrolle im Musical „The Boy Friend“ 1971, eine Zusammenstellung aus Musical-Hits der 20er-Jahre. In den 80ern hatte ich dann mein Broadway-Debüt gemeinsam mit Tommy Tune in „My One And Only“, das wiederum auf einem Musical der Gershwin-Brüder basiert. Ich neige also zu dieser Art von Musik, genauso, wie ich mich auf der anderen Seite aber auch für Pop interessiere. Die ursprüngliche Idee mit der neuen Platte war, einfach ein Album mit romantischen Liedern zu machen. Darum hab ich „My Funny Valentine“, „Bewitched, Bothered and Bewildered“ oder „The Very Thought of You“ mit drauf.

Es gab immer zwei Twiggys in der öffentlichen Wahrnehmung: Das 16-jährige Model und „Face of 1966“ und die Frau, die daraus wurde. Du bist ständig mit dem überlebensgroßen Teenager-Bild von dir konfrontiert. Hattest du mal das Gefühl, dass dich das behindert?
Na ja, ich kann einfach nichts dagegen tun. Es war immer da und wird immer da sein, auch noch lange, wenn ich schon nicht mehr da bin. Denkt man an die 60er, werden einem immer die Beatles, die Stones und mein Gesicht durch den Kopf gehen. Das ist einfach Teil der Geschichte. Irgendwie berührt mich das mittlerweile richtig, dass die Leute das immer noch wollen. Das Ganze geschieht ja nicht aus Hass. Wenn ich aber an meine Karriere denke, dann muss ich zugeben, dass es schon Zeiten gab, in denen ich etwas dagegen gekämpft habe, so in den späten 70ern und frühen 80ern. Damals wollte ich, dass mich die Leute mehr als Schauspielerin und Sängerin respektieren.

Twiggy: Romantically Yours, EMI, jetzt erhältlich

Als du in den späten 60ern nach New York kamst, veränderte eine andere Beauty-Ikone dieser Zeit, Nico, gerade ihren Look drastisch, weil sie nicht mehr schön sein wollte.
Nico von The Velvet Underground? Meine Tochter steht total auf sie. Weißt du, dass ich Andy Warhol mal getroffen habe? Er hat mir echt eine Scheißangst eingejagt. Er war gruselig. Ich war dieses lustige kleine Mädel, gerade 17, sehr jung, schüchtern, naiv. Ich hab keine Drogen genommen, ich war sehr gradlinig. Plötzlich wurde ich in New York zu all diesen Orten geführt, weil diese Leute mich treffen wollten. Ich nehme an, dass einer der Orte, an die ich damals gebracht wurde, die Factory war. Ich wusste das zu der Zeit nicht. Ich kam rein und traf dort auf Warhol. Er benahm sich seltsam, hatte total weiße Haut und war mit Sicherheit komplett zugedröhnt. Viele der Leute, mit denen Andy Warhol sich umgeben hat, waren echt seltsam drauf. Das war Teil des Gesamtkunstwerks, denke ich.

Das war einfach nicht meine Welt. Das könnte auch der Grund sein, warum du immer noch hier bist.
Ich denke, da könntest du verdammt recht haben. (lacht)

Du warst Jurymitglied bei „America’s Next Top Model“. Hattest du nie das Gefühl, dass diese Shows in feministischer Hinsicht schwierig sind, weil sie junge Frauen zu bloßen Kleiderständern degradieren?
Nein. Ich meine, das ist genau das, was mir die Leute in den 60ern an den Kopf geschmissen haben. Ich war sehr glücklich damit, ein Kleiderständer zu sein, vielen Dank. Es hat mir eine großartige Karriere ermöglicht, ich habe es geliebt. Ich weiß aber schon, worauf du hinauswillst. Weißt du, alle Talentshows, ob es nun um Models geht oder ob es „X Factor“ ist, haben zwei Seiten. Es gibt Teile in der Show, die ich nicht mag, die fiesen Parts. Ich glaube, es ist nicht nötig, den Leuten beim Heulen zuzusehen. Aber ich liebe die Tatsache, dass sie Menschen eine große Plattform geben, um ihr Talent unter Beweis zu stellen.     
Interview: Jan Noll