Siegessäule - Lieber homosexueller Mann

queere welt

Lieber homosexueller Mann


Antwort an Elmar Kraushaar, die Unke der Schwulenbewegung, der in seiner taz-Kolumne „der homosexuelle Mann" Geschichtsvergessenheit beklagt

Siegessaeule.de 21.12.2011 – Die Schwulenbewegung fing nicht erst mit Rosa von Praunheims Outing-Act-Up* an, schreibst du dieser Tage in deiner taz-Kolumne „Der homosexuelle Mann“. Und beklagst, dass die geschichtsvergessene, schwule Presse nicht den Beginn, sondern den Skandal der Bewegung feiert: nämlich das krawallige Outing von Biolek und Kerkeling durch den krawalligen Praunheim (siegessäule.de, queer Berlin, schrieb übrigens ausführlich über 40 Jahre HAW, Text hier).

Aber warum amüsierst du dich im gleichen Atemzug über die grauen Panther der Bewegung, jene Männer der ersten Stunde, die Geschichte schrieben, und lächelst über ihre nachlassende Faszination als Schatten von – ja wovon eigentlich noch?
So ist das, wenn Bewegung zu Geschichte wird, da hilft kein Meckern und kein Klagen, wenn das Thema durch ist, bleiben eben bestenfalls ein paar Geschichten, Heldensagen oder Zickenkriege. So zumindest hab ich die Altvorderen der Bewegung verstanden: Die Emanzipatoren, die Wegbereiter der neuen schwulen Zeit hatten ihre Relevanz verloren, als AIDS die Schwulenbewegung hinwegzufegen drohte. Da war nichts mehr mit Wir sind auch normal und wir streiten uns darum, ob ein Schwuler ein Spießer zu sein hat oder ein schriller Vogel. Da ging es um die blanke Existenz. Rosa von Praunheim hatte das begriffen, auf Fragen des guten Geschmacks verzichtet und losgebrüllt wie ein Irrer.

Wie schön, dass das von einem derjenigen kam, die auch schon vorher in der Emanzipation eine Rolle gespielt hatten. Verzeih, weiser Elmar Kraushaar, wenn das den Jüngeren eindrücklicher war und ist, als die Alten, die mit ihrem ständig eingeforderten Kotau ein bisschen wie Opa-will-wieder-seine-alte-Platte-hören rüberkommen. Gespräche mit den Altvorderen sind oft nicht leicht, denn da geht es meist um Denkmalpflege.  

Dennoch ein Dank an dich. Dafür, dass du uns liest. Dafür, dass du uns doch immer wieder erinnerst. Wenn auch manchmal nur an lang vergangene Bedeutsamkeiten – oder anders gesagt: Eitelkeiten haben kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Schwule Eitelkeiten sind unverfallbar. Vive la differencé!
Christian Mentz

Hier siegessaeule.de über Praunheim auf dem heißen Stuhl
Hier
Elmar Kraushaars „Der homosexuelle Mann“

Hier siegessaeule.de über 40 Jahre Homosexuelle Aktion West-Berlin

*Begriffserklärung für die noch Jüngeren:

„Outing“ bezeichnet den Vorgang, Prominente, die ihre Homosexualität verheimlichen, in der Öffentlichkeit zu enttarnen, um der breiten Masse klarzumachen, dass wir überall sind.

„Act-Up“ bezeichnet eine politisch-gesellschaftliche Strategie, mit der Ende der 80er Jahre schwule Aktivisten in den USA erfolgreich die Aufmerksamkeit auf das Thema AIDS lenkten: Anstatt leise am Rande der Gesellschaft zu verbleiben, versuchten sie mit lauten Aktionen über die Medien AIDS als Thema in das breite gesellschaftliche Bewusstsein zu bringen.