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Ballett-Spezial 01/10
Von Malakhov bis Neumeier: Eine (auch) schwule Kulturgeschichte des modernen wie traditionellen Balletts
© anja-mueller-fotografie.de
Der schwere, rote Samtvorhang in der Staatsoper Unter den Linden öffnet sich feierlich. In der Mitte der weiten, leeren Bühne fast nackt: Vladimir Malakhov, der Star des Berliner Staatsballetts. Spotlichter streicheln seine eleganten Bewegungen, leuchten jeden kleinen Muskel des durchtrainierten Körpers aus. „Caravaggio“ zeigt, was für viele die Faszination des Balletts ausmacht: anbetungswürdige Körper, die sich in vollendeter Schönheit bewegen, das Ganze angemessen in Szene gesetzt. Der bewunderungsheischende Effekt auf den Zuschauer markierte bereits die Anfänge des Balletts: Um seinen absoluten Machtanspruch zu demonstrieren, tanzte Ludwig XIV. höchstselbst in der Rolle des Sonnengottes. Die kontrollierte Selbstbeherrschung der Kampfkünste stand bei der Entwicklung der Bewegungsabläufe Pate. Mit demonstrativer Männlichkeit verbinden heute das Ballett allerdings nur noch die wenigsten. „Schwul“ finden viele Jugendliche das Tanzen in engen Strumpfhosen – was den Nachwuchsförderern Kopfschmerzen bereitet, ebenso wie den immerhin geschätzten zwei Drittel Heterosexuellen unter den Tänzern.
Im Publikum, zumindest bei Premieren, ist die Schwulenquote jedenfalls regelmäßig hoch. In Berlin steigert sicherlich auch Vladimir Malakhov die Zahl der schwulen Ballettfans; er wird von den Kritikern als „Jahrhunderttänzer“ gefeiert. Neben seinem Engagement als Erster Solotänzer ist der ukrainische Weltstar, der offen schwul lebt, auch Intendant des Berliner Staatsballetts. 2004 wurden die Compagnien der drei Berliner Opernhäuser zu einer einzigen fusioniert, mit 88 Tänzerinnen und Tänzern der jetzt größten in Deutschland. Unter Malakhovs Führung gewinnt die Truppe nun immer mehr an Qualität und Profil.
© anja-mueller-fotografie.de
Ende 2009 erregte darüber hinaus ein prachtvoller Malakhov-Bildband Aufsehen. „Während der Fotosession bat mich Dieter Blum, mich immer mehr frei zu machen“, sagt Malakhov. „Es war wie am FKK-Strand. Im ersten Moment ist man noch schüchtern, aber dann fühlt es sich ganz normal an.“ Solche Bilder sind wohl nicht ganz unschuldig am schwulen Ballettinteresse – genauso wie die „Susi“: Das Suspensorium schützt die Weichteile vor ungewollten Tritten, presst sie aber auch als oft ansehnliches Paket nach vorne, in eine repräsentable Steillage. Aber auch das Hirn bekommt beim Ballett was zu tun: Sogenannte Spiegelneuronen lösen beim Zuschauen im Kopf die gleichen Potenziale aus, wie wenn der Betrachter selbst aktiv an der Aktion beteiligt wäre – so neuere wissenschaftliche Studien. Verfolgt man also die kraftvollen Sprünge und die sinnlichen Bewegungen, erlebt man ein Körpergefühl wie Malakhov – auch wenn man selbst nur staunend im Sessel sitzt.
Torsten Träger
Interview mit Vladimir Malakhov, Intendant des Staatsballett Berlin
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