Siegessäule - Dieter Kosslick: „Es geht um Menschenrechte"

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Berlinale 2010

Dieter Kosslick: „Es geht um Menschenrechte"


Der Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlinale, Dieter Kosslick, über 60 Jahre Filmfestival und den TEDDY AWARD

© Silke Reents

SIS: 60 Jahre Berlinale: Herzlichen Glückwunsch! Können Sie sich noch an Ihren ersten Berlinale-Film erinnern?
Dieter Kosslick:
Daran kann ich mich ziemlich gut erinnern. 1983/84. Da war ja der Bundesinnenminister Hans Zimmermann nicht nur für den Bundesgrenzschutz zuständig, sondern auch für die Filmförderung. Herr Zimmermann, der ja nun eindeutig konservativ war, hatte bereits drei Filmen die Förderung versagt, nämlich Rüdiger Neumanns Experimentalfilm, Herbert Achternbuschs „Gespenster“ und Monika Treuts „Die grausame Frau“, weil Marquis de Sade da offenbar anstößige Dinge beschrieb. Dagegen wurde 1983/84 im Zoo-Palast protes­tiert. In Anlehnung an den Filmtitel „Gespenster“ hatten wir alle ein Betttuch bekommen und protestierten gegen diese Zensurmaßnahmen. Das war meine erste Berlinale.

Hinter der Berlinale-Gründung 1951 steckte auch politisches Kalkül: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Deutschland immense Imageprobleme. Gab es damals Vorbehalte, in die ehemalige Reichshauptstadt zu kommen? Es gibt einen ganz konkreten Film von Orson Welles, der nicht auf der Berlinale lief, weil Herr Welles sich 1950 bei einem Besuch kritisch über die Verhältnisse in Deutschland geäußert hatte. Deshalb hat das Komitee ihn 1952 nicht mit „Othello“ eingeladen. Die Berlinale wurde 1951 mit großer Hilfe der Amerikaner als Festival kreiert. Es gab keine Ressentiments, außer dass die Berlinale plötzlich Teil des Schaufensters des Westens wurde. Der freie Westen wurde auch durch die Berlinale eindeutig propagiert. Und darauf wurde sofort reagiert, denn eine Woche später machten die „Ostdeutschen“ das Festival des volksdemokratischen Films im Babylon.

ln 60 Jahren Berlinale gab es viele filmische Meilensteine, aber welche Ereignisse ragen besonders heraus? Das kommt darauf an, wie man schaut. Rein politisch war natürlich interessant, dass die Berlinale 1956 ein A-Festival wurde, vorher war es ja ein reines Publikumsfilmfest. Die Berlinale spiegelte immer auch die Situation der Stadt Berlin. Und das haben dann auch die Filme widergespiegelt. Für einen Skandal sorgte „The Deer Hunter“, wo ausgerechnet die osteuropäischen Länder (die ja dann auch die Berlinale verließen) die Darstellung der Vietnamesen nicht korrekt fanden – eigentlich hätten sie diesen Film mögen müssen. Und mit Oshimas Film „Im Reich der Sinne“ gab es den ersten „Sexskandal“. Das ist übrigens der einzige von 15.000 Berlinale-Filmen, wo die Staatsanwaltschaft eingeschritten ist. Ich finde, es gereicht der Stadt Berlin zur Ehre, in 60 Jahren nur einmal einzuschreiten. Also danke, dass ihr nur einmal hier wart. Die Berlinale hatte natürlich auch eine große Funktion im Sinne der Öffnung von Tresoren mit verbotenen Filmen, etwa aus Osteuropa. Dann gab es andere Dinge, die die Berlinale quasi zum Abbruch brachten, aber gleichzeitig zur Gründung eines wesentlichen Bestandteils der heutigen Berlinale führten, nämlich des Forums des jungen Films. Und man sollte die Inforeihe nicht vergessen, die von Manfred Salzgeber und Wieland Speck geschaffen wurde. Damals gab es noch den Paragrafen 175, und es war mutig, die gesamte Gay-Problematik plötzlich öffentlich zu machen. Trotz aller Kritik ging man offensiv damit um und daraus entwickelte sich eine unglaubliche Geschichte bis hin zum TEDDY AWARD heute.

Rund zwei Jahrzehnte lang war der TEDDY der einzige queere Preis bei einem A-Filmfestival, jetzt gibt es Konkurrenz. Ist der TEDDY in seiner Bedeutung bedroht? Einen queeren Preis in Venedig sehe ich nicht als Konkurrenz für einen queeren Preis in Berlin.

Egal wie beschäftigt sie am Abend der TEDDY-Verleihung sind, Sie kommen immer. Das scheint eine Herzensangelegenheit zu sein. Das ist kein einfacher Auftritt für mich beim TEDDY AWARD, weil ich nie so richtig weiß, wie ich mich politisch korrekt benehmen soll. Als ich im ersten Jahr in Anlehnung an die weltberühmten Worte von Klaus Wowereit sagte: „Ich bin hetero und das ist gut so“, wurde ich im Tempodrom ausgepfiffen – natürlich auch im Spaß. Aber es ist nicht einfach, eine richtige Performance zu machen. Es liegt mir sehr am Herzen, weil man doch als Hetero heute den Kampf für Homosexualität auch synonym sieht als Kampf für Bürgerrechte und Menschenwürde, also allgemeinere Ziele und nicht nur das spezifische Ziel, schwul, lesbisch oder transsexuell zu sein. Auf der einen Seite ist es gesellschaftlich viel mehr akzeptiert als jemals zuvor, in Berlin sowieso. Aber auf der anderen Seite ist es ja nach wie vor so, dass es Dinge gibt in unserer Gesellschaft, die einfach aufgrund von bestimmten Ideologien über Jahrhunderte hinweg kriminalisiert werden. Aber es geht um nichts anderes als Menschenrechte! Das schnell als kleinen Witz, der dann auch noch okay sein muss, beim TEDDY AWARD zu sagen, macht die Veranstaltung sprachlich für mich nicht ganz einfach.
Haben Sie schon eine Pointe für dieses Jahr? Nein, ich hoffe, dass ich wieder interviewt werde, da fällt mir meistens was ein.       

Interview: Andrea Winter

Die wichtigsten queeren Filme auf der Berlinale

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