Siegessäule - Teil 2: „Präventionsverhalten stabil“

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Teil 2: „Präventionsverhalten stabil“


Michael Bochow, Soziologe und Autor der berühmten „Bochow-Studien“, über Risikoverhalten und die zunehmenden Sexkontakte schwuler Männer

© Guido Woller

SIS 5.1.2010 – Der Soziologe Michael Bochow, 61, arbeitet bei der Forschungsgruppe Public Health am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Seit 1987 untersucht er in Fragebögen das Verhalten schwuler Männer. Schwerpunkte der sogenannten „Bochowstudie“, die regelmäßig im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) erscheint, sind Fragen über Safer Sex, HIV sowie andere sexuell übertragbare Infektionen (STIs)

SIS: Michael, hat das Präventionsverhalten in den letzten Jahren nachgelassen oder ist es konstant geblieben?

Michael Bochow: Das präventive Verhalten der Leute ist seit Jahren auf stabilem Niveau. Es gibt seit langem folgende Ergebnisse: 70 Prozent vermelden keine Risikokontakte (ungeschützter Analverkehr mit Partnern mit unbekanntem oder anderem Testergebnis), 20 Prozent nur sporadische Risikokontakte und 10 Prozent häufigere Risikokontakte in den 12 Monaten vor der Befragung.

SIS: Wie erklärst du diese Konstanz?

Einige Leute finden das unglaubwürdig, da sich die Zahl der Neudiagnosen im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts erhöht hat. Aktuell scheinen die Zahlen zu stagnieren. Wie also erklären wir die Zunahme? Zehn Prozent der Befragten teilen uns häufigere Risikokontakte mit. Das ist nicht wenig für eine Bevölkerungsgruppe, in der HIV am meisten präsent ist in Deutschland. Und es sind auch nicht immer dieselben zehn Prozent, die häufigere Risikokontakte angeben! Die zweite Gruppe, Männer mit sporadischen Risikokontakten – immerhin 20 Prozent – ist nun auch nicht winzig.

SIS: Hast du eine Hypothese, ob die Leute zwischen den drei Gruppen switchen?   

Sie switchen bestimmt, wir haben das aber nicht genau untersucht. Ich halte es für wahrscheinlich, dass ein größerer Austausch zwischen den Gruppen der 70 und 20 Prozent stattfindet als zwischen den Gruppen der 70 und 10 Prozent. Lebensstile können sich aber ändern, und nichts ist ausgeschlossen. 

SIS: An welche denkst du dabei?

An Männer,  die offenkundig weniger Angst haben, Risiken einzugehen. Dazu kann auch Motorradfahren zählen. Das kann ein angeregter Drogenkonsum sein. Gerade beim heftigen Gebrauch von Drogen ist die Wahrscheinlichkeit von Risikoverhalten erhöht – abgesehen davon malträtierst du damit dein Gehirn. Vielleicht sind sie auch einfach experimentierfreudiger, was eigentlich positiv ist. Solche Männer, die häufiger Risiken eingehen, werden zu schnell pathologisiert. Wenn den Gründen nachgegangen wird, warum Schwule sich infizierten, wird häufig vermutet, dass das nur passierte, weil sie bitter arm sind, sturzbesoffen, voll gedröhnt oder gerade depressiv waren oder überhaupt gaga.

SIS: Wieso sind Arme häufiger betroffen?

Wie bei anderen Krankheiten auch ist Armut ein besonderer Vulnerabilitätsfaktor, das heißt ein Faktor, der anfälliger für Infektionen/Krankheiten macht. 

SIS: Wie schätzt du das Risiko in Partnerschaften ein?

Martin Dannecker hat mal vom Risikofaktor Liebe gesprochen. Er meinte damit nicht nur reale Beziehungen. Es gibt nämlich auch fantasierte Freundschaften bei einem One Night Stand z.B., was allenfalls der Beginn einer Beziehung sein könnte. Man fantasiert den neuen Sexpartner als Freund, man investiert Vertrauen. Diese fantasierten Beziehungen können zu einem Risikoverhalten führen.

SIS: Welche anderen Faktoren erhöhen das Infektionsrisiko?

Eine akute Syphilis erhöht das Risiko, sich mit HIV anzustecken. Schwule haben seit Jahren mehr Sex, vor allem Analverkehr, in Kombination mit mehr Sexualpartnern. Dieser Trend ist nicht neu, den beobachteten wir sogar  schon vor 1996, vor der Kombi-Therapie. In den 80ern sanken die Zahl derjenigen, die Analverkehr hatten, und die Zahl der Partner. Dass sich die Leute wieder mehr Sex trauen ist ein Beleg für den Erfolg der Prävention. Auch, dass die Leute außerhalb ihrer Beziehungen noch immer mehrheitlich Analverkehr mit Kondom machen, ist ein Erfolg.

Die Kombination von mehr Sexpartnern und mehr Analverkehr außerhalb fester Partnerschaften hätte auch dazu führen können, dass die Infektionszahlen deutlicher ansteigen.   

SIS: Wäre es im Sinne der Prävention nicht sinnvoll, wenn sich mehr testen lassen würden?

Wir verzeichnen eine erhöhte Testbereitschaft. Aber Test ist kein Mittel der Prävention, daran halten wir Sozialwissenschaftler fest. Jemand, der positiv getestet wird, verhält sich nicht automatisch weniger risikoreich. Lange Zeit ergaben unsere Befragungen: Zwei Drittel haben sich getestet, zwei Drittel davon schon mehrfach. Man könnte auch fragen: Warum testen sich nicht alle? Bei den ganz Jungen könnte man es vielleicht noch nachvollziehen. Aber warum tun es Männer zwischen 30 und 40 nicht, die nicht wie Mönche leben oder total monogam? 

SIS: Deine Antwort?

Es gibt Leute, die nicht zu unrecht sagen: Ich bin nicht risikofreudig, habe keine Risikokontakte. Dann gibt es wiederum welche, die eine Vogel Strauß Politik betreiben, es nicht wissen wollen, weil sie vielleicht einmal unvorsichtig waren.

SIS: Wenn HIV-Positive in der Therapie unter Umständen nicht mehr infektiös sind, müssten die Neudiagnosen doch deutlich sinken!

Die geringe Infektiosität von vielen Schwulen mit HIV, die in Behandlung sind, hat verhindert, dass die Zahl der Neuinfektionen deutlicher ansteigt. 

Interview: Sirko Salka


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