Experten zu HIV und Aids
Teil 3: „Näher an der Heilung als an der Impfung“
Armin Schafberger, Referent für Medizin und Gesundheit bei der Deutschen Aids-Hilfe, darüber, warum eine frühzeitige Behandlung bei einer HIV-Infektion wichtig ist
SIS im Januar 2010 – Wie langfristig und effektiv kann HIV heute therapiert werden? Welche Verbesserungen gibt es hinsichtlich der Nebenwirkungen? Und wie realistisch ist eine Heilung von HIV? Armin Schafberger, Referent für Medizin und Gesundheit bei der Deutschen Aids-Hilfe im Interview
SIS: Armin, wie hat sich die Behandelbarkeit von HIV verändert?
Grundsätzlich gibt es heute mehr Medikamente, und die Medikamente sind im Großen und Ganzen verträglicher geworden. Mehr Medikamente, das hat auch den Vorteil: Wenn ein Medikament bei mir nicht wirkt oder starke Nebenwirkungen verursacht habe ich heute die Möglichkeit, die Medikamente zu wechseln. Mittlerweile haben wir über 20 Medikamente, da sind schon einige Behandlungskombinationen möglich.
SIS: Gehören Nebenwirkungen wie die Fettverteilungsstörung der Vergangenheit an?
Hier müssen wir differenzieren: Bei Fettverteilungsstörungen oder anderen Nebenwirkungen, wenn die Therapie auf die Leber geht, oder Magen-Darm-Störungen, habe ich die Möglichkeit, auf eine andere Therapie umzusteigen. Das ist das Wichtigste, um schwere Nebenwirkungen in den Griff zu bekommen. Nebenwirkungen treten nicht bei allen gleichermaßen auf, das gleiche Medikament oder die gleiche Medikamentenkombination wird vielleicht von den meisten gut vertragen, aber von 30, 40 Prozent nicht. Diese können die Therapie dann wechseln. Diesen großen Vorteil haben wir erst seit ein paar Jahren.
SIS: Haben wir heute Medikamente, die keine Fettverteilungsstörungen verursachen?
So allgemein kann man das nicht sagen. Die Medikamente machen immer auch Nebenwirkungen, sind aber für die meisten ganz gut verträglich. Es gibt nicht mehr die beiden Medikamente wie vor zehn Jahren, die hauptsächlich die Lipodystrophie verursacht haben, diese verordnet man nicht mehr. Auch das Medikament, welches vor zehn Jahren noch im Einsatz war und stark nervenschädigend wirkte, wird heute nicht mehr verschrieben. Aber alle Medikamente machen irgendwelche Nebenwirkungen. Doch sie verursachen nicht bei allen diese Nebenwirkungen.
SIS: Stimmt es, dass HIV-Positive, die heute mit ihrer Therapie anfangen, gute Chancen haben, jahrzehntelang behandelt zu werden?
Ja, nach heutigem Wissensstand ist das die Realität. Man muss das auch sagen, das ist wichtig. Habe ich als Patient eine solche Prognose, gehe ich ganz anders mit der Therapie um. Aber: Die Medikamente gibt es in dieser Form erst seit 1996, keiner von uns weiß, wie diese Medikamente in 20, 30 Jahren wirken.
Bei der Aussage, dass man jahrzehntelang therapieren kann, handelt es sich also um mathematische Hochrechnungen. Was wir nicht einschätzen können, sind Langzeitwirkungen der HIV-Infektion oder Langzeitnebenwirkungen der Medikamente, die erst nach 20, 30 oder 40 Jahren auftreten. In den letzten Jahren hat sich sehr viel im Bereich der Therapien getan. Wenn das nur halb so schnell weitergeht, wird es weitere Verbesserungen geben.
SIS: Welchen großen Wandel gibt es hinsichtlich HIV?
Wir müssen einer Haltung gegen arbeiten, die wir früher selbst produziert haben. Früher war die Theorie: Ich bin mit HIV infiziert, aber ich bin nicht krank. Das war eine Überlebensstrategie, als es noch keine Therapie gab. Leb gesund dein Leben, hieß es damals, so lange wie nur möglich. Heute ist diese Haltung fatal. Wir wissen zum Beispiel, dass die HIV-Infektion das Immunsystem in den ersten Wochen schon schwer schädigt. Es erholt sich zwar wieder, man kommt in eine halbwegs stabile Situation. Aber nach und nach wird die Schädigung fortgesetzt. Das Immunsystem arbeitet gegen HIV auf Hochtouren. Wie ein Hamster im Hamsterrad muss sich der Körper immer wieder gegen HIV wehren. Dadurch haben wir die Situation – das wissen wir auch erst seit wenigen Jahren – , das es mehr und mehr Erkrankungen gibt, die mit der HIV-Infektion früher gar nicht so viel zu tun hatten. Herzinfarkte, Schlaganfälle. Durch diesen dauernden Entzündungsprozess nehmen die Gefäße Schaden. Diesen Prozess stoppt man mit der Therapie größtenteils. Die HIV-Infektion verläuft also bestenfalls äußerlich stumm. Wenn man abwartet, bis man merklich Erkrankungen durch die HIV-Infektion hat, also im Aids-definierenden Stadium ist, hat man den optimalen Start der Therapie verpasst. Daher raten wir von der Aidshilfe denjenigen, die ein Risiko hatten, sich beraten und testen zu lassen.
SIS: Experten sagen, dass Aids heute vermeidbar ist. Beurteilst du das ähnlich?
Man kann Aids durch einen rechtzeitigen Therapiebeginn verhindern. Die typischen Aids-definierenden Erkrankungen wir z.B. Kaposhi-Sarkom oder eine Pneumocystis-Lungenentzündung treten dann praktisch nicht mehr auf. Aber man kann nicht alle Erkrankungen, die im Zusammenhang mit HIV stehen, verhindern. Es gibt auch Krebserkrankungen, die trotz erfolgreicher HIV-Therapie auftreten.
Wann genau man mit einer HIV-Therapie anfangen soll, ist nach wie vor im Fluss. Der Therapiebeginn hat sich in den letzten Jahren immer weiter nach vorn verschoben. Vor wenigen Jahren sagten wir noch, Helferzellen sollten nicht unter 200 abfallen. Damals hat man nach besten Wissen und Gewissen gehandelt. Und man hatte noch nicht so viele Medikamente. Heute haben wir eine andere Situation. Wir können früher therapieren. Heute sollen Helferzellen nicht unter 350 sinken.
SIS: Hältst du eine Heilung von HIV für realistisch?
Seit einem Jahr ist das für mich kein verwegener Gedanke mehr. Ich behaupte sogar, wir sind einer Heilung näher als einer Impfung zum Schutz vor HIV. Bisher scheitert eine Heilung an den verborgenen Reservoirs im Körper, in denen HIV sich versteckt und nicht erreicht werden kann. Derzeit sagt man: Wenn eine Therapie optimal verläuft, muss man – aber das ist ein mathematisches Modell – 70 Jahre behandeln, bis diese Reservoirs leer sind. Daher stellt sich für die Forschung die Frage, wie wir diese Reservoirs früher ausgeschüttet bekommen. Auch andere Ansätze werden diskutiert und beforscht: ob es gelingen kann, HIV aus dem Erbgut einer infizieren Zelle wieder herauszuschneiden. Das ist alles noch Zukunftsmusik. Aber auf den wissenschaftlichen Kongressen befasst man sich nun intensiver damit.
Interview: Sirko Salka
Infos unter www.aidshilfe.de und www.iwwit.de
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