Siegessäule - Teil eins: „Keine Normalisierung“

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Teil eins: „Keine Normalisierung“


Uli Meurer, Vorstand der Berliner Aids-Hilfe, erklärt die Herausforderungen im Zeitalter des „neuen Aids“

SIS 23.12.2009 – Das Bild von HIV hat sich in den letzten drei Jahrzehnten deutlich gewandelt. Weg von einer in vielen Fällen tödlich verlaufenden Infektion hin zu einer dauerhaften chronischen Erkrankung. Erleben wir eine Normalisierung von HIV? Uli Meurer, Vorstand der Berliner Aids-Hilfe, verneint das ausdrücklich und erklärt im Interview, wie weit HIV von einer Normalität noch entfernt ist

SIS: Wie reagiert die Berliner Aids-Hilfe auf das neue Bild von HIV?

Uli Meurer: Wir müssen erleben, dass nach fast 30 Jahren die alten Bilder von HIV und Aids nicht mehr stimmen. Wir haben immer noch das Bild des verarmten homosexuellen Mannes vor Augen, der ohne Arbeit einsam in dieser Stadt lebt. Dieses Bild ist nicht grundsätzlich falsch, leider leben noch viele Betroffene genau so. Heute gehen wir aber davon aus, dass die Mehrheit der HIV-Positiven arbeitet und in irgendeiner Weise mit ihrem Leben und der HIV-Infektion klarkommen. Es gibt bei dieser Personengruppe einen punktuellen Beratungsbedarf, der durch Online-Beratung, bei Ärzten oder auch der Aids-Hilfe befriedigt wird. Ansonsten ist hier die Aids-Hilfe als Ort des gelebten Miteinanders bisher nicht sehr attraktiv. Das ist zum Teil auch gut so. Auch als HIV-Positiver habe ich das Recht, HIV und Aids einmal auszublenden, vor allem, wenn es nicht das dringendste Problem meines Lebens ist. Wir wären aber gerne auch für diese Betroffenen attraktiv. 

Die Menschen, die vorwiegend unsere Sozialrechtsberatung und Begegnungsangebote nutzen, sind aber die eher marginalisierten Gruppen, Menschen, die zum Teil schon lange mit der HIV-Infektion leben und multiple Probleme haben. Um nur ein Problem zu nennen: vor der Verfügbarkeit der antiretroviralen Therapie haben wir gezielt in die Rente beraten und sahen darin eine Chance die letzten Jahre finanziell abgesichert verleben zu können. Eine Rückkehr in das Arbeitsleben ist aber heute fast unmöglich. Zum Einen weil der Arbeitsmarkt nicht sehr viel hergibt oder sie zu krank sind, zum Anderen aber durch die Kürzungen der Sozialleistungen in den letzten Jahren. Die Rente, die sie später bekämen wäre sehr viel niedriger als ihre heutige. Perversion des Systems.

Eine weitere öffentlich wenig beachtete Gruppe heterosexuelle Frauen, viele Frauen mit Migrationshintergrund, deren Zahl stetig wächst. Viele von ihnen sind allein erziehend. Im „neuen Aids“ sind es also eher die a priori benachteiligten Bevölkerungsgruppen, die unsere Hilfe brauchen. Das „alte Aids“ waren einfach andere Zeiten. Wir hatten keine Therapiemöglichkeiten, wir rückten enger zusammen, Schicksalsgemeinschaft. Es war ein anderes Miteinander, man war im Kern solidarischer und erfuhr diese Solidarität oft auch von aussen. Heute haben sich verschiedenen Betroffenengruppen weit auseinander gelebt. Die Aids-Hilfe hatte vor der ART bei Aids das Definitionsmonopol. Medizin konnte keine kurativen Maßnahmen anbieten sondern nur lindern. Mit Aufkommen der Therapie haben wir dieses Monopol verloren und es versäumt dem etwas adäquates entgegengesetzt. Das wollen wir jetzt mit unserem neuen Konzept der Gesundheitsförderung aufzuarbeiten.

Medizin und Medikation sind heute für HIV-Positive zwar ein zentrales Problem, aber nur eins unter vielen. Uns erreichen immer mehr Berichte über sie Zunahme von Diskriminierung, Ausgrenzung und Jobverlust. Auf Bundesebene sammeln wir diese Fälle, da wir hier einen akuten politischen Handlungsbedarf sehen. Anstatt nur Bananen mit Kondomen auf Plakate zu zeigen, wäre eine Solidaritätskampagne hilfreich.

Wir versuchen das Bild vom neuen Aids zu vermitteln. Wir müssen erreichen, dass sich die Zivilgesellschaft gegen Ausgrenzung und Diskriminierung wendet und eine neue Form von Solidarität erreichen. Selbst in Berlin kann sich nicht jeder Arbeitnehmer outen, ohne seinen Job zu riskieren. Problematisch wird es sein, mit dem neuen Bild von Aids ausreichend dringend benötigte Spenden einwerben zu können, denn anscheinend brauchen Spender ein plakatives Elend, wie sich aus dem massiven Rückgang unseres Spendenaufkommens ableiten lässt. 

SIS: Schlimm, wenn ihr von Positiven des sogenannten „neuen HIV“ nicht mehr gebraucht werdet?

Uns ist jeder recht, der uns nicht braucht. Das Wesen der sozialen Arbeit sollte sein, sich auf Dauer überflüssig zu machen. Auf der anderen Seite gibt es im hoffentlich langen Leben vieler HIV-Positiver immer wieder mal Berührungspunkte mit der Aids-Hilfe, das fördert eine Form von Zugehörigkeit. Mit dem neuen Konzept der Gesundheitsförderung entwickeln wir ein neues Produkt, das dem Zeitgeist entspricht. Wir hoffen, dass wir mit diesem Modulsystem von Angeboten auch diese Betroffenen erreichen.  Wir wollen Antistressprogramme anbieten, Sport,  Ernährungsberatungen mit Kochkursen etc. An dem Konzept arbeiten wir intensiv und hoffen es im nächsten Jahr, pünktlich zum 25jährigen Bestehen der BAH anbieten zu können. Aus der Erfahrung heraus, dass viele HIV-Positive arbeiten, werden wir zudem ab nächstem Jahr arbeitnehmerfreundliche Öffnungszeiten anbieten.

SIS: Erleben wir eine Normalisierung von HIV? Auch in der Mehrheitsgesellschaft?

Erlebten wir einen reale Normalisierung, müsste kein HIV-Positiver Angst haben, sich auf der Arbeit zu outen. Ich befürchte so weit sind wir noch lange nicht. Ich bezeichne den gegenwärtigen Zustand als einen Bagatellisierungsprozess. Die HIV-Infektion ist auf dem Weg zu einer chronischen, behandelbaren Krankheit. Allerdings noch lange ohne Aussicht auf Heilung, somit immer noch tödlich. In der Mehrheitsgesellschaft und häufig auch in schwulen Kreisen wird das reale Risiko bagatellisiert und das Leiden der Betroffenen banalisiert. In einer medialen Welt, in der Bilder plakativ sein müssen um Aufmerksamkeit zu erlangen, muss auch das Leiden plakativ sein. Der Trost „dafür lebt ihr ja heute länger“ greift hier nicht, dann auch die Leidensphase wird länger, aber weniger plakativ und somit für den Mainstream uninteressant. Nein, von einer Normalisierung sind wir weit entfernt. 

Interview: sisa

www.berliner-aidshilfe.de


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