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Wieviel Mann soll's sein?


Muskeln, Macker und Monstertitten – Männlichkeit steht in der Fetischszene hoch im Kurs. Hier trifft man Polizisten, Soldaten, Handwerker oder Matrosen. Feminine Typen hingegen haben schlechte Karten. Was macht uns am Mann so an? 

SIS im September – Schwule lieben Männer. Ganz einfach. Und doch so kompliziert: Denn was genau das eigentlich ist, das Männliche, das wir da lieben, lässt sich schwer eingrenzen. Wahre Männer sind nämlich alles – groß, klein, dick, dünn, klug, doof, männlich, weiblich, stark, schwach, behaart, kahl, rational, emotional, altbacken, modern, dominant, devot – und nicht anders verhält es sich mit echten Frauen. Gender-Experten behaupten ohnehin längst, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern weitaus geringer ausfallen als die innerhalb eines Geschlechts. Insofern haben wir Homos uns unbewusst für die volle Vielfalt entschieden. Soweit die Theorie.

In der Praxis fahren zumindest viele Fetischschwule auf einen recht eindimensionalen Männertypus ab, wie er in der Wirklichkeit kaum noch anzutreffen ist. Wenn es um unsere sexuellen Fantasien geht, überschütten wir den Mann geradezu mit Superlativen, dann kann er gar nicht stark genug sein, schlau, stoisch oder eben muskulös, maskulin, mächtig. Alles darf ein Mann dann sein, nur nicht Memme, Weichei oder Gutmensch. Anders als unsere Heterokollegen, die in den letzten Jahrzehnten überraschend metrosexuell geworden sind, ihre weiblichen Nuancen in einem Riesenemanzipationssprung offenbar gerade entdecken und zum Teil sogar bereits ausleben, versteifen sich nicht wenige von uns immer noch auf den schwulen Leithammel, den testosterongeschwängerten Fleischhaufen, jene muskulösen Urmänner. Und so begegnen wir im Fetischmilieu haufenweise grimmig dreinblickenden Polizisten, schwitzenden Bauarbeitern, dreckigen Handwerkern, coolen Bikern oder übergewichtigen Holzfällern – alles Blaupausen traditioneller Männerberufe. „Dadurch wird eine Idee von Männlichkeit verkauft, etwa die Illusion eines Soldaten“, erzählt Oliver, ein Berliner Bär mit Glatze und Bart. Diese Rollen funktionieren allerdings nur in einem begrenzten, sexuellen Setting und sind selten alltagstauglich.

Im Lederschuppen ist es letztlich ja auch irrelevant, ob der Soldat am Tresen in Wirklichkeit den Wehrdienst verweigert hat oder der Polizist im Sling jemals eine Waffe in den Händen halten würde. Darum geht es nicht. Im Gegenteil: Rein optisch haben Schwule ihre männlichen Vorbilder in der Vergangenheit derart gnadenlos kopiert und diese Rollen perfektioniert, dass die Originale drauf und dran sind, ihr heterosexuelles Image zu verlieren. Das geht längst so weit, dass ein durchtrainierter Bauarbeiter in der Öffentlichkeit oder ein Uniformträger im Dienst schon wieder schwul wirken. Und genau dieser Moment ist so ziemlich queer, weil er die Mechanismen des Machens von Männlichkeit in unserer Gesellschaft aufdeckt. Durch unsere Übernahme und Umdeutung der alten Männerklischees wackeln ganze Gesellschaftsbilder: Plötzlich fällt das, wofür jahrhundertelang der Heteromann stand, in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Und wie sieht es mit den „inneren Männerwerten“ aus?

Neben der gendertheoretischen Relevanz stecken Fetischhomos in einem Dilemma: Seit Jahren müssen sie sich den Vorwurf der Männertravestie gefallen lassen, dass sie Mann oft nur spielen, statt es wirklich zu sein. DJ Modeopfer vom SchwuZ, der im Fummel bestens bekannt ist als Camelia Light, kennt alle Rollen von kerlig bis weibisch und findet es „furchtbar“, wenn sich jemand seine Männlichkeit erst zulegen muss. „Muskeln überdosed und alte tote Tiere über die Schultern gelegt – da schmückt man sich doch mit fremden Federn.“ Auch Oliver spricht von „viel Verkleidung“ in der Fetischszene. „Das mag für die sexuelle Idee okay sein, für das Gesamtbild Mann stimmt es aber nicht.“
Man kann das weiter zuspitzen: Wir tragen zwar gerne Leder, Gummi, Industrial oder Sportswear, weil das alles spannende Fantasien bedient, unser eigentlicher Sexfetisch ist jedoch eine überzeichnete Männlichkeit, die in der Realität so kaum zu finden ist, so eine Art Testosteron-Tonne mit Attributen wie Bart und Beule, Muskeln und Haaren, Pornomaßen und einer Megapotenz. Das sind die wahren In-Marken schwuler Männlichkeit im Land von Lack, Leder & Co. Und da diese schlecht zu produzieren sind, bauen wir aus uns selbst eben einen lustigen Übersprungs-He-Man, der zumindest nach außen hin so wirkt, als wäre ihm alles „Weibische“ fremd.  

Feminine, tuckige Typen haben da schlechte Karten, wie Jurastudent Martin berichtet, bei dem vermeintlich „weibliche“ Wesenszüge überwiegen: „In den Lederbars muss ich mich zusammenreißen, um nicht zu effeminiert rüberzukommen, wenn ich später noch einen Kerl abschleppen möchte“, sagt er. In diesen Herrenrunden ist es für ihn eine Art „fauler Kompromiss“, seitdem er kapiert hat, dass Tunten am Tresen die Mehrheit der Kerle einfach nur abturnt. „Weil wir das Weibliche auch in uns tragen, suchen wir das Männliche gegenüber“, meint dazu DJ Modeopfer. „Mit dem Tuntigen verbinden wir oft etwas Negatives“, erklärt Oliver, „Medien benutzen gerne dieses Klischee des Schwulen. Viele  sind so einfach nicht und stehen auch nicht auf so was.“ Die Vorstellung, dass ein Kerl feminin ist und beim Sex plötzlich anfängt laut aufzukreischen, ist einigen offenbar  zu abturnend und zu abstoßend. Bloß, warum eigentlich? Beruht das alles nicht auf Vorurteilen? Wer legt fest, wie und wer wir zu sein haben? Wir selbst, oder? Warum also unser eigenes Korsett von Maskulinität so eng schnüren?

Gerade in Berlin sind längst die Weichen in Richtung eines neuen männlichen Selbstverständnisses gestellt. Immer mehr Typen brechen ihre Maskulinität selbstbewusst ironisch, sei es durch Kleidung, Accessoires, Mimik, Gestik und machen damit den Weg frei für einen unbefangeneren Blick auf die eigene Geschlechtsidentität. „Männlichkeit ist etwas Natürliches, wie Merz-Spezial-Dragees, wahre Männlichkeit kommt von innen“, sagt DJ Modeopfer. Wie man sich kleidet, verhält oder riecht, ist nicht relevant. Auch die Männlichkeitsideale der Fetisch-Community sind im Wandel begriffen. Experimentieren, miteinander spielen, neue Fantasien ausleben, zwischen Rollen und Klischees switchen, zwischen Bierernst und gepflegter Hysterie – Männlichkeit ist immer das, was wir draus machen.  
Sirko Salka/jano


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