Berlin
„Homosexuelle heute gleichberechtigte, zu schützende Bürger"
Das Berliner Polizeipräsidium feiert dieses Jahr sein 200-jähriges Bestehen. Dr. Jens Dobler vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin zum Verhältnis von Polizei und Schwulen
© zw
Dr. Jens Dobler
SIS im März 2009: Wann hat denn die Polizei die Schwulen für sich entdeckt?
Jens Dobler: Das begann schon vor dem Kaiserreich. 1885 entstand dann ein eigenständiges Dezernat. Männliche Homosexualität stand damals nach § 175 unter Strafe.
SIS: Ist das eine einzige Unterdrückungsgeschichte bis zur Reformierung des Paragrafen 1969?
Es ist eine wechselvolle Geschichte. Um 1900 herum gab es z.B. eine Zusammenarbeit mit der aufkommenden Schwulenbewegung. Man versuchte gemeinsam Erpressern von schwulen Männern den Boden zu entziehen. Trotz des sehr viel offeneren Umgangs mit Homosexualität in der Weimarer Republik gab es zwischen 1919 und 1932 sehr hohe Verfolgtenzahlen. Der unmenschlichste Umgang mit Schwulen herrschte natürlich in der NS-Zeit.
SIS: Und heute? Alles gut zwischen der Berliner Polizei und Schwulen?
Historisch gesehen ist nie alles gut. Aber der heutige Polizeipräsident Glietsch hat einen sehr unverkrampften Umgang mit dem Thema. Das wirkt sicherlich auf Dauer in die Behörde hinein. Zentral ist ja, dass Homosexuelle heute gleichberechtigte, zu schützende Bürger für die Polizei sind und nicht mehr potentielle Verbrecher.
12.3., 18.30 Uhr: Sitte und Sittlichkeit: Vortrag von Jens Dobler und Lesung des Krimiautors Bernd Udo Schwenzfeier. Ort: Polizeihistorische Sammlung im Polizeipräsidium, Platz der Luftbrücke 6
Der Vortrag findet im Rahmen von 200 Jahre Polizeipräsidium statt. Auf Einladung des Polizeipräsidenten hat der Förderkreis der Polizeihistorischen Sammlung eine Reihe mit Vortragslesungen organisiert. Einem Vortrag zu einem polizeihistorischern Thema folgt eine Lesung aus einem Krimi.
Zum Nachlesen das Buch von Jens Dobler: Zwischen Duldungspolitik und Verbrechensbekämpfung. Homosexuellenverfolgung durch die Berliner Polizei 1848 bis 1933, 26,90 €
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