Berlin
Geburtstag für die „Gleichgeschlechtlichen Lebensweisen"
Vor 20 Jahren begann mit diesem Fachbereich die „Revolution“ in der Berliner Verwaltung, so Claus Nachtwey
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SIS 19.10. 09 – Dass Beruf und Berufung etwas miteinander zu haben können, erlebt man schnell im Gespräch mit Claus Nachtwey (Foto). Vor zwanzig Jahren, am 1.11.1989, trat er eine neu geschaffene Stelle in Berlin an, für die der Volks- und Betriebswirt das heimatliche Münster verließ. Seitdem ist der 58-Jährige Berlins staatlich beauftragter Vorkämpfer gegen die Diskriminierung von Lesben, Schwulen und Transgender.
Der damalige rot-grüne Senat war bundesweit Trendsetter, als er entschied, dass seine Verwaltung eine spezielle Antidiskriminierungsstelle für Lesben und Schwule bräuchte. „Zu danken ist das der jahrelangen Vorarbeit aus der Community“, weiß Nachtwey. Heute ist die Abteilung als Fachbereich Gleichgeschlechtliche Lebensweisen Teil der Landesstelle für Gleichbehandlung in der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. „Als Mitarbeiter der Leitungsebene beraten wir die Senatorin direkt.“ Solche Feinheiten in der Hierarchie sind für nachhaltige Erfolge wichtig.
Trotz wechselnder politischer Mehrheiten konnte Nachtwey, der heute mit Kollegin Lela Lähnemann das Feld beackert, durcharbeiten. Aufbau einer Homo-Infrastruktur im Osten der Stadt, Homorechte in der Landesverfassung, Umsetzung des Lebenspartnerschaftsgesetzes in nur einem Monat auf Landesebene, so lauten einige Meilensteine. Wo staatliches Handeln auf Landesebene und in den Bezirken Schwule, Lesben und Trans* benachteiligt, ist das Duo gefordert – durch Aufklärung in der Verwaltung und der Politik sowie praktische Unterstützung. Die mittlerweile zwei Homo-Beauftragten bei der Polizei wurden auf Nachtweys Anregung hin installiert. Es entstanden Richtlinien für die Schularbeit und für den Umgang mit LGBT in Seniorenheimen. „Für eine Verwaltung ist das revolutionär“, sagt Nachtwey dazu lächelnd.
Wer sich über Diskriminierung in der Verwaltung beschweren will, ist bei seinem Team richtig. Für andere Beratungsarbeit ist die Community wichtig. Diese Arbeitsteilung hält er für essentiell. Vier Träger (Schwulen- und Lesbenberatung, Sonntagsclub und LSVD) leisten die Community-Arbeit heute in der Stadt und sorgen so für Nähe zu den Betroffenen und für inhaltliche Rückkopplung. Das sei für ministerielles Arbeiten nicht gerade üblich, denn meist tut man sich dort mit NGOs schwer, sagt Nachtwey.
Der Etat für die nicht-staatliche Infrastruktur Berlins beträgt 550.000 Euro im Jahr. Vor zwanzig Jahren konnte man mit gerade einmal 100.000 Euro Gruppen und Beratungsstellen unterstützen. Kleiner Wermutstropfen: In Hochzeiten hatte die Abteilung fünf statt heute zwei Personalstellen.
Braucht ein Land mit einem schwulen Regierungschef noch Leute wie Claus Nachtwey? „1989 hätte ich wohl gesagt, dass nach 20 Jahren alles abgearbeitet ist“, meint Nachtwey. Doch wie beim Häuten einer Zwiebel komme immer eine neue Schicht zum Vorschein: weil Menschen zu Vorurteilen neigten, weil wir sensibler für Diskriminierung geworden seien und weil neue Themen entstünden. Den Abbau von Homophobie in Religionsgemeinschaften und Migranten-Communitys hätte 1989 noch niemand im Blick gehabt.
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