Berlin
Mahnwache vor Al Nur Moschee mit überraschendem Ende
Erst wurde der Vortrag von Pierre Vogel abgesagt, dann doch gehalten. Dennoch war die Mahnwache von Schwulen und Lesben ein Erfolg
© Gudrun Fertig weitere Bilder >>
SIS 14.6.2009 – Ein wenig Skepsis blieb. Zumindest beim Pressesprecher des LSVD Alexander Zinn. „Wenn es so stimmt, ist es ein voller Erfolg.“ Gemeint war die Mahnwache vor der Al Nur Moschee in Neukölln gestern Abend gegen 18 Uhr, die damit endete, dass Pierre Vogel, der dort einen Vortrag halten sollte, diesen absagte. Mit der Begründung, dass die Verantwortlichen der Moschee ihm untersagen wollten, mit dem vor der Moschee demonstrierenden circa 30 Schwulen und Lesben zu reden.
Was war passiert? Zunächst waren Bilal Philips und Pierre Vogel für diesen Abend als Redner angekündigt. Ersterem wird vorgeworfen, die Todesstrafe für Homosexuelle zu befürworten (hier zu einem Video aus dem Jahr 2000), zweiterem die Zwangsverheiratung von minderjährigen Mädchen gutzuheißen. Der LSVD und Terre des Femmes hatten daraufhin zur Mahnwache aufgerufen. Zwei Tage vor der Veranstaltung stand dann auf der Homepage der Moschee zu lesen, dass Bilal Philips wegen einer „Terminüberschneidung“ nicht auftreten werde.
Gestern Abend um 17.30 Uhr herrschte vor der Moschee geschäftiges Treiben. Infostände wurden aufgebaut, junge Männer als Ordner eingewiesen. Die Reporterin von siegessäule.de erfuhr, dass die Veranstaltung öffentlich sei und sie ohne Aufnahmegeräte teilnehmen könne. Die Suche nach jemanden von der Moschee, der weitere Fragen beantworten wollte, gestaltete sich jedoch schwierig. Schließlich fand sich ein junger Mann aus dem Organisationsteam, der aber seinen Namen nicht nennen wollte. Ob Pierre Vogel Zwangsheirat unterstütze? „Er hat sich davon distanziert und spricht sich dagegen aus. Zwangsheirat ist auch gegen den Islam.“ Bei der Frage, ob Pierre Vogel auch die Todesstrafe für Homosexuelle für richtig hält, gibt es ausweichende Antworten. „Das weiß ich nicht, was dazu im Koran steht.“ Auch zum Thema Todesstrafe für Ehebruch, erklärt er, dass dies im Islam bisher nur sehr selten, unter bestimmten Bedingungen, vorgekommen sei. Was ist für ihn der Islam? „Das, was im Koran steht.“ Ist sein Verständins vom Islam und der Umma (in etwa: Gemeinschaft aller Gläubigen) spiritueller oder politischer Natur? „Das kommt darauf an, was man unter politisch versteht.“ Versteht er die Angst in Deutschland vor gewaltbereiten Islamisten? „Die verstehe ich gut. Ich habe auch selbst Angst. Nicht nur, dass auch meine Familie tot sein könnte. Wenn hier etwas passiert, sind es die Muslime, die als Erstes leiden würden." Und: „Ich kenne keinen gewaltbereiten Islamisten, ehrlich.“
So gegen 18.30 Uhr erscheint dann Pierre Vogel vor der Moschee, sagt die Veranstaltung ab und zwischen Vertretern des LSVD und ihm entspinnt sich ein Gespräch. Pierre Vogel stellt klar, dass Homosexualität im Islam eine Sünde sei, aber auch, dass er trotzdem Lesben und Schwule als Menschen respektiere. Würde er sich einem Aufruf des LSVD, der sich gegen Gewalt gegen Homosexuelle richtet, und von muslimischen Verbänden Berlins unterstützt wird, ebenfalls anschließen? „Klar, kein Problem“.
Dieser Dialog war auf jeden Fall ein Erfolg. Auch, dass das Thema Homosexualität für alle sichtbar offen vor der Moschee diskutiert wurde. Fragen bleiben trotzdem.
Gudrun Fertig
Nachtrag 16.6.: Nach neuen Informationen wurde der Vortrag am gleichen Abend schließlich doch gehalten. Pierre Vogel erklärte gegenüber dem LSVD, dass er erst erbost darüber war, dass die Moschee-Verantwortlichen ihn nicht mit den Vertretern und Vertreterinnen des LSVD reden lassen wollten. Aus schlechter Erfahrung mit der Presse heraus, wie er sagte. Nach dem Dialog mit dem LSVD hätte man sich aber geeinigt und der Vortrag fand doch statt.
Hier zum Hintergrund des Aufrufes zur Mahnwache
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