Berlin
Serpil Pak: Psychologin, Passdeutsche, Sexkoryphäe
Die Comedian im Interview
© Ono Ludwig
SIS – 6.10.09: Serpil, du hast Psychologie studiert. Wie kamst du von den Büchern auf die Bühne? Serpil: Ist tragische Geschichte. Mein Diplom war als Tochter traditionell orientierter Gastarbeiter meine Austrittskarte von zu Hause und die Eintrittskarte in die Freiheit: Tagsüber als Bücherwurm meinen Wissenshunger stillen und nachts die Pisten der Clubs unsicher machen. Von der erfolgreichen Partyqueen war der Schritt auf die Bretter, die die Welt bedeuten, dann nur noch ein Katzensprung. Ich habe zeitgleich mit meinem ersten Psychojob angefangen, Kabarett zu spielen. Wir waren als Bodenkosmetikerinnen seit 1992 bis 2000 unterwegs in Deutschland, durch West und Ost.
Woraus schöpfst du deine Ideen? Das Leben schreibt die besten Geschichten. Ich wohne in Kreuzkölln, mein Kiez ist Kreuzberg und ich bin in allen Parallelwelten, die dieses Dorf miteinander verbindet, unterwegs. Als Passdeutsche mit lesbisch migrantischem Hintergrund gibt es immer mehr Material als wir alle verkraften können.
Bietet dir Neukölln ein kreatives Umfeld? Neukölln ist arm, arm macht nicht nur sexy, sondern auch kreativ. Wir müssen alle Improvisieren.
„Ich bin viele“ hast du bei deinem letzten Auftritt in der Marianne gesagt. Welche Rollen verkörperst du momentan? Hab nicht genau gezählt, aber so an die 30 werden es wohl sein. Manchmal verliere ich selbst den Überblick.
Lebst du deine multiplen Identitäten auch außerhalb der Bühne, im Alltag aus? Aber natürlich nutze ich das aus. Je nachdem wie es mir passt bin ich mal Deutsch mal Türkisch. Dann mal mit dicken Eiern und manchmal hab ich dicke Eierstöcke. Ob homo, hetero, ein bisschen bi schadet nie. Ich mache alle meine Freunde ganz verrückt damit.
Der Großteil der in Deutschland auftretenden Stand-Up-Comedians ist männlich. Woran liegt das? Weil viele Männer total an Selbstüberschätzung leiden und viele Frauen denken sie hätten nichts zu sagen.
Wie behauptest du dich in dieser Männerdomäne? Ich versuche, nicht sexistisch zu sein. Ich ignoriere einfach die Benachteiligung. Ich hasse es, Menschen in Schubladen zu stecken und passe selbst in keine. Ob Mann oder Frau, ich lass einfach raus die Sau.
Du bezeichnest dich als Sexkoryphäe von Kreuzberg.Welche Trends zeichnen sich in deinem Kiez ab? Nicht ich, sondern die Szene hat mir diesen Ruf gegeben und mich damit total überfordert. Danke Deutschland. Seitdem versuche ich mein Bestes. Trends im Kiez: die Lesben gönnen sich längere Haare und mehr modischen Mut. Polygamie wird neu definiert zu Polyamorismus.
Es hat sich bei den Journalisten herumgesprochen: auch ein türkisches Publikum rockt bei deinen Shows. Gibt es Themen, die lieber unausgesprochen bleiben sollten? Wieso? Ich sehe es als meine Aufgabe, Tabus zu brechen. Allah sei Dank können die Türken über sich selber lachen.
Wo könnte der Spaß aufhören? Bei Kolonya (türkisches Kölnisch Wasser) hört der Spaß auf. Es gibt zwei Sorten, Zitrone und Tabak. Die neue biologische Waffe der Türken. Beim letzten Mal hat es mir fast das Nasenbein gebrochen.
Interview: Arwen Haase
„In Schleierhaft“, 7. und 12.10., Heimathafen Neukölln
serpil-pak.de
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