Siegessäule - HIV-Prävention in Berlin: wie weiter?

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HIV-Prävention in Berlin: wie weiter?


Rolf Rosenbrock hat 2011 ein Gutachten zur Berliner HIV-Arbeit erstellt – hier ist er im Interview

© Tanja Schnitzler Professor Ralf Rosenbrock vom Wissenschaftszentrum Berlin

siegessaeule.de im April 2011:

SIS: Prof. Rosenbrock, Sie haben im Auftrag des Senats ein Entwicklungskonzept zur künftigen HIV-und STI (Sexually Transmitted Infection) -Prävention erstellt. Mit welchem Ziel?
Rolf Rosenbrock: Es war Aufgabe des Senats im Auftrag des Parlaments, sich Gedanken zu machen, wie Prävention in Berlin verbessert werden kann. Meine Job war es herauszufinden, wie man mit den gegebenen Institutionen – zwölf Projekten in Berlin, Gesundheitsämtern, mehreren Senatsverwaltungen, Krankenversorgung – Aids-Arbeit und Prävention optimieren kann.

Warum ist eine Umstrukturierung notwendig?
Nun, es gibt keinen dramatischen epidemiologischen Anlass. Ich glaube, dass so etwas Komplexes wie Aids-Prävention alle zehn Jahre auf den Prüfstand gestellt und aktualisiert werden muss. Berlin hat verglichen mit anderen Städten zwei Besonderheiten: Berlin ist die deutsche Schwulenmetropole mit Hunderttausenden Touristen. Und: Aufgrund der großen Selbsthilfetradition hat sich HIV-Prävention hier dezentralisiert entwickelt, entsprechend werden die einzelnen Projekte auch – zumindest teilweise  – gefördert. Und so wird jede Evaluation wahrscheinlich belegen, dass es sowohl Doppelangebote als auch Lücken im System gibt. Keines der Projekte sollte am Ende des Umstrukturierungsprozesses ganz so bleiben, wie es heute ist.  

Ein logisches Ziel ist die Verringerung der Neuinfektion, oder?
Wir haben in Berlin vergleichsweise hohe, aber keine dramatischen Infektionszahlen. Die meisten von mir befragten Experten deuteten an, dass die Zahlen in Berlin bei guter Organisation und zielgerichteter Arbeit um 20 bis 25 Prozent sinken könnten.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der HIV-Neudiagnosen in Berlin?

Aktuelle Zahlen (2010) für Berlin und die Bundesrepublik zeigen, dass von einem wachsenden Leichtsinn keine Rede sein kann. Wir haben konstant über 70 Prozent der Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), die jedes HIV-Risiko vermeiden. Das ist eine Leistung in den letzten 20 Jahren, die uns keine andere Bevölkerungsgruppe nachgemacht hat. Ich sehe einen leichten Anstieg der Neudiagnosen, zum einen, weil die Testbereitschaft steigt. Auch sind Neuinfektionen durch das Zusammenwirken von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) und HIV erklärbar. Wir wissen, dass Menschen mit einer Syphilis oder Gonorrhö weitaus stärker empfänglich für eine HIV-Infektion sind. Deshalb dürfen wir uns präventiv nicht nur auf HIV beschränken, sondern müssen uns im Bereich Sexual Health bewegen.

Positive Menschen, die antiretroviral therapiert werden, sind unter bestimmten Bedingungen nicht mehr infektiös. Sind die Ungetesteten für die Neuinfektionen verantwortlich?
Das würde ich so nicht sagen. Die meisten Risiken gehen Männer ein, die HIV-positiv getestet sind. Etwa 60 Prozent der als HIV-positiv Getesteten stehen unter antiretroviraler Therapie, die anderen nicht. Natürlich haben wir in Berlin die Szenen der HIV-Positiven, die unter Vernachlässigung des in der Tat dubiosen Risikos einer Hyperinfektion auf Safer Sex verzichten. Das ist wahrscheinlich medizinisch auch unproblematisch. Problematisch wird es, wenn Menschen in diesen Szenen Sex haben, die die dortigen Spielregeln nicht kennen. Und problematisch wird es zunehmend wegen der anderen STI und dabei insbesondere der Hepatitis C. Deshalb heißt das Oberziel der Prävention, Menschen in Risikosituationen kommunikationsfähig und handlungsfähig zu machen.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie in Ihrer Expertise gekommen?
Lassen Sie mich Folgendes vorab sagen: Besonders wichtig ist mir, dass die Grundlage aller HIV-Prävention in der Schule gelegt wird. Jedes Kind und jeder Jugendliche muss nicht nur die Safer-Sex-Regeln im Kontext von Sexual Health erfahren, sondern auch lernen, was sexuelle Vielfalt bedeutet oder was sexuelle Entfaltung heißt. Ich habe zudem vorgeschlagen, dass das Thema Sexual Health in den Integrationskursen für MigrantInnen behandelt wird.

Wo konkret sehen Sie Handlungsbedarf bei der schwulen Zielgruppe?
Ein Weg führt in die Szene, wo die Risikosituationen stattfinden. Wir haben in Berlin etwa 50 Orte, an denen Sex öffentlich oder zugänglich stattfindet. Dort vor Ort muss an der Kommunikation gearbeitet werden. Das Projekt manCheck und die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz sind in den Szenen unterwegs und leisten zugehende Prävention. Allerdings ist manCheck personell derzeit bei Weitem nicht in der Lage, das angemessen abzudecken.

Was schlagen Sie vor?
Ich halte es für ein wichtiges Ziel, dass ManCheck mit allen Orten, wo Sex zwischen Männern passiert, eine Art Sicherheitspartnerschaft schließt – zum Beispiel im Rahmen von Safety4free. Das würde voraussetzen, dass alle schwulen Wirte da aktiv mitmachen. Das ist bis heute nicht der Fall, und das finde ich skandalös.

Sind die Wirte in der Pflicht, mehr zu tun, als nur Safety4free beizutreten?
Das wäre doch schon sehr viel! Es würde bedeuten, dass sich manCheck verpflichtet, diese Lokale und Locations mit Kondomen, Gleitmitteln und Infomaterial auszurüsten. Die Wirte verpflichteten sich, das sichtbar zu platzieren und Informationen über Safer Sex zugänglich zu machen bzw. zumindest den Zugang und die Kommunikation darüber nicht zu behindern.

Wir sprechen heute vom alten und vom neuen Aids. Inwiefern brauchen wir neue, individuellere Präventionsbotschaften?
Diese guten alten Safer-Sex-Regeln gelten für HIV auch heute noch. Aber z. B. angesichts Hepatitis C müssen wir – zumindest in den entsprechenden Szenen – differenziertere Botschaften verbreiten – z. B. fürs Fisten oder die Drogenaufnahme durch die Nase. Die Botschaften bei Hep C  sind – leider – komplexer als bei HIV.

Wie beurteilen Sie daher die Notwendigkeit von individuellem Risikomanagement?
Natürlich ist auch heute noch auf der sicheren Seite, wer den Regeln „Ficken nur mit Gummi“ und „Beim Blasen raus, bevor es kommt“ folgt. Aber wir müssen damit umgehen, dass Menschen vor dem Sex individuell ihre Sicherheitsgrenzen aushandeln. Das ist immerhin aktives Präventionsverhalten: Wenn ihr etwas aushandelt, sind das die Parameter eurer Sicherheit. Manchmal führt dieses Aushandeln in gute Richtungen, wenn sich zwei glaubwürdig ihres jeweiligen Serostatus versichern können bzw. aus zutreffenden Informationen über Infektionswege und Infektionswahrscheinlichkeiten ihre Konsequenzen ziehen. Es kann aber auch zu verheerend gefährlichen Fehlschlüssen führen.

Es geht um klare Infos, auch über die Konsequenzen?
Dauernde Information ist das Grundrauschen der Präventionsarbeit. Was in der Praxis aber viel häufiger schiefgeht, ist, dass Menschen im entscheidenden Moment nicht miteinander kommunizieren können. Sei es, weil sie zu geil sind oder den Typen so toll finden, dass sie mit ihm nicht über ein so hässliches Thema reden wollen. Sei es, weil sie denken, wenn ich das jetzt anspreche, denkt der doch, dass ich es habe usw. Die für mich nach wir vor absolut beste Regel ist die englische: „Don’t assume nothing.“ Denn daraus folgt: „Wir müssen darüber reden.“ Unsere Aufgabe ist es, dafür jede machbare Hilfestellung zu leisten – deswegen müssen die Vorschläge auch aus der Community selbst kommen –, um Menschen in einer sexualfreundlichen Art und Weise miteinander kommunikations- und handlungsfähig zu machen. 
Interview: Sirko Salka

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Kommentare


# frontmail,nur wiel sie das so wahrnehmen, hießt das nicht, das es auch stimmt. ich denke auch das die 70% zahkl stimmt, deckt sich mit meinen großen bekanntenkreis - sie sollten also ehe rdrübe rnachdenken mit welchen leuten sie in kontakt stehen oder welche gayromeo profile sie anschauen. und nicht jeder schwule hat ein gayromeo profil.

von: peter, 05.06.2011 14:46 Uhr

Ich bin echt entsetzt, dass jemand der eine Studie zu dem Thema macht, allen ernstes glaubt, in Berlin würden 70% Safer Sex machen. Das ist so fern jeder Realität, dass er genausogut behaupten könnte, Schweine können fliegen. Berlin hat weltweit einen Ruf dafür, dass Schwule hier unsafen sex machen - Touristen kommen deshalb hierher oder kommen her und verzichten aus Angst davor hier auf Kontakte. Eine Gefälligkeitsstudie für die gescheiterte Politik des Senats, weiter nichts. Ein Blick in Gayromeo würde reichen um zu sehen, daß 70% wohl eher unsafer Sex machen.

von: frontmail, 21.05.2011 22:16 Uhr

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