Siegessäule - „Selbstbewusst mit der Infektion umgehen"

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HIV

„Selbstbewusst mit der Infektion umgehen"


Jochen Drewes, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin, über das Stigma, das HIV-Positive immer noch erleben

© Kerstin Zemke Jochen Drewes, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin, Lehrstuhl Public Health

siegessaeule.de im August – Das HIV-Special im August-Heft beschäftigt sich mit der Frage von Eigenverantwortung beim Thema HIV und Aids, stellt Carsten Schatz vor, den ersten offen positiven Berliner Politiker, der sich im September zur Wahl stellt, und untersucht, wie junge HIV-positive Männer mit HIV umgehen. Auf siegessaeule.de hier ergänzend ein Interview mit Jochen Drewes, Wissenschaftlicher Mitarbeiter  an der Freien Universität Berlin, Lehrstuhl Public Health: Prävention und psychosoziale Gesundheitsforschung.

SIS: In unserer Berichterstattung im aktuellen Heft zum Kongress „HIV im Dialog“ haben uns fünf junge HIV-Positive erzählt, dass sie sich mehr vor der sozialen Dimension von HIV fürchten als vor gesundheitlichen Konsequenzen. Woran liegt das?
Drewes:
HIV ist eine gesellschaftlich stark stigmatisierte Erkrankung. Gründe dafür sind der Schweregrad der Erkrankung, die Übertragbarkeit und moralische Aspekte, die die Übertragungsweisen und die Hauptbetroffenengruppen betreffen. Dies hat sich bisher weder durch die medizinischen Fortschritte bei der Behandlung noch durch die Präventions- und Aufklärungskampagnen wesentlich geändert.

Medizinisch erleben wir eine Normalisierung von HIV und Aids. Doch was rechtliche wie auch sozialen Fragen von Moral, Schuld und Stigma angeht, sieht es offenbar anders aus. Wie schätzt du das ein?
Fortschritte bei der Behandlung der HIV-Infektion sollten tatsächlich zu einer Reduzierung der Stigmatisierung führen. Wenn HIV-Infizierte, die regelmäßig ihre Medikamente nehmen, kaum noch infektiös sind und wenn HIV mittlerweile eine chronische Erkrankung ist, statt eines sicheren Todesurteils, dann sollte eigentlich auch die Angst vor HIV-Infizierten sinken. Leider hinkt die Rechtsprechung hier dem aktuellen Wissensstand hinterher, wenn sie Transmission von HIV und damit potenziell alle HIV-Infizierten kriminalisiert.

Was verstehst du unter einem Stigma? Ein Stigma ist ein Charakteristikum einer Person, das zu ihrer Abwertung und Ablehnung führt. Diese Stigmatisierung kann eine Erkrankung wie HIV sein, aber auch ganz unterschiedliche Merkmale betreffen, wie eine körperliche Entstellung, Geschlecht, Homosexualität, etc. Gerade die Ansteckungsgefahr, also der Bedrohungsaspekt, führt dazu, dass HIV-Positive besonders stigmatisiert werden.

Und wie kann sich das konkret auf HIV-Positive auswirken? Die HIV-Positiven nehmen die Ablehnung und Abwertung ihrer Person durch die HIV-Negativen natürlich wahr. Forschungsergebnisse zeigen, dass dies zu Stress, Depressionen, sozialer Isolation und auch einer schlechteren körperlichen Gesundheit führen kann. Stigma macht es auch für die Betroffenen schwer offen mit ihrer Erkrankung umzugehen.

Man hört immer wieder auch von der Selbststigmatisierung HIV-Infizierter. Was bedeutet das?
Auch HIV-Infizierte sind Teil dieser Gesellschaft. Viele haben das Stigma verinnerlicht. Sie fühlen sich schuldig und minderwertig. Dieses internalisierte Stigma ist auf die Dauer nicht gesundheitsförderlich. Es ist auch aus diesem Grund wichtig einen Weg zu finden, selbstbewusst mit der Infektion umzugehen. Dabei kann es z.B. auch helfen, aus der Isolation herauszutreten. Die Berichte vieler HIV-Infizierter zeigen, dass die Erfahrungen mit dem Offenlegen des HIV-Status in der Regel positiver sind als befürchtet.

Interview: Sirko Salka

hier zum Online-Special, Teil zwei: Rechtsanwalt Jacob Hösl über die rechtlichen Pflichten von HIV-Positiven

hier zum Download des HIV Specials in der August-Printausgabe der Siegessäule

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Kommentare


Ach ja, wir Positiven--wir armen armen Opfer. Stigma, Ausgrenzung, was widerfährt uns nicht alles! Inzwischen erlebe ich zumindest in Teilen der schwulen Szene etwas anderes, nämlich (nicht nur) Positive, die als militante Barebacker ihre Safer-Sex-praktizierenden schwulen Mitmenschen diffamieren und abweisen. Es entsteht in Clubs eine Atmosphäre, wo Männer, welche gerne Safer Sex praktizieren möchten, sich "outen" müssen, bevor sie eine barsche Absage riskieren. Ich bin selber positiv, habe gerne wüsten Sex und erlebe dieses Verhalten hautnah. Eben noch "Na, Du bist ja ne geile Sau", nach der Erwähnung von Gummi oder Handschuh wortlos beiseite geschoben oder sogar abgebügelt mit "Bei Safer Sex muss ich kotzen". Barebacking wird auf eine Weise fetischisiert, welche mittlerweile bei kommerziellen Veranstaltern--von Pornoproduzenten mal ganz abgesehen--auch gerne zu Kasse gemacht wird. Dabei wird eine Dynamik geschaffen, welche Safer Sex in bestimmten Zusammenhängen und an bestimmten Orten nahezu tabuisiert und Barebacking zum Standard erhebt. Vor 20 Jahren wurde tatsächlich Safer Sex auch aus Solidarität mit Positiven praktiziert--man wollte niemanden ausgrenzen. Wenn diese Solidarität nun gefordert wäre, um bereits Infizierte wie Nicht-Infizierte vor Schaden und Erkrankung zu schützen, heißt es, "Mein Körper gehört mir!". So isses, und ich will es auch keinem verwehren. Sicherlich sollte jeder auch selber darauf achten, sich zu schützen, aber von einer Zeit, wo man einander Fürsorge und Solidarität zeigte, zu "Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht", ist es ein langer Weg. Ich habe es auch satt, dass Sexualität als ethikfreie Zone gilt; sie ist wie jedes andere menschliche Verhalten auch ethischen Kriterien unterworfen. Dass so getan wird, als existiere sie in einem Paralleluniversum, wo keine Regeln mehr gelten, welche im sonstigen Leben selbstverständlich sind, ist Teil des Problems einer nahezu komplett konsumistischen schwulen Identtiät und einem kommodifiezierten schwulen Selbstbildes. Selbstbewusstsein sieht anders aus.

Mir geht das einerseits ganz konkret am Arsch vorbei, weil ich auch so mehr Sex als genug habe; mit Typen, welche mir nicht einmal ein Minimum an Fürsorge oder Achtung entgegenbringen können, will ich auch nicht poppen. Mit 48 Jahren habe ich genug Selbstsicherheit erworben, dass mir dabei kein Zacken mehr aus der Krone bricht. Wenn ich aber mitbekomme, wie sich Freunde, oder jüngere Schwule oder kürzlich Zugewanderte reihenweise anstecken, weil ihnen das Selbstbewusstsein fehlt, von dem geilen Bareback-Hengst ne Absage zu riskieren, dann macht es mich wütend.

Selbstverständlich wäre es schön, wenn Positive nicht stigmatisiert würden. Es wäre aber auch schön, wenn einige unter ihnen ihren Positivenstatus nicht dazu benutzten, sich von jeder Verantwortung und jeder Fürsorge für ihre Mitmenschen zu freizusprechen. Man kann es sich in seiner Opferhaltung auch sehr bequem einrichten. Natürlich werden Positive sicher noch Opfer von Stigmatisierung, aber es ist auch so, dass wenn man sich wie die Sau verhält, man sich nicht wundern darf, wenn einer "Sau" ruft.

von: Jan, 30.01.2012 12:39 Uhr

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