Siegessäule - Wann testen lassen und wie oft?

HIV

Wann testen lassen und wie oft?


Wie sinnvoll ist ein regelmäßiger HIV-Test, wann sollte man mit der Therapie starten? Siegessäule fragte Experten – hier die facts

Soll ich oder soll ich nicht? Der Schnelltest bietet die Möglichkeit, regelmäßig den HIV-Status zu überprüfen

siegessaeule.de im April 2011 – Statistisch betrachtet sind Männer, die schwulen Sex haben, die größte Risikogruppe, 2010 stellten sie fast 70 Prozent der Berliner HIV-Neudiagnosen. Das heißt aber nicht, dass Homos verantwortungsloser sind.

Hohe Infektionsraten: Sind schwule Männer verantwortungslos?

Marcus Behrens, der bei Mann-O-Meter die Schnelltests als Psychologe begleitet, kennt dieses Vorurteil: Kein Mensch hat „dieselben Ansprüche an Heteros, die an schwule Männer im Bezug auf ihr Sexmanagement gestellt werden“, erklärt er. „Wenn wir schon so etwas Ekliges wie Analverkehr machen, dann bitte mit Gummi.“ Hier werde mit zweierlei Maß gemessen. „Das finde ich sexistisch und homophob.“ Das Gegenteil der Mär vom verantwortungslosen Homos ist der Fall: Eine aktuelle Untersuchung des Soziologen Michael Bochow widerlegt die Präventionsmüdigkeit bzw. neuen Sorglosigkeit der Schwulen.

Der Schnelltest als lästige, aber angenomme Notwendigkeit

Das Safer-Sex-Management schwuler Männer ist insgesamt intakt: „Bei Mann-O-Meter ,züchten‘ wir uns allmählich ein Stammpublikum heran“, sagt Marcus Behrens. „Offensichtlich ist es unter Schwulen üblich, sich ein-, zweimal im Jahr testen zu lassen. Und sei es nur, um ein Restrisiko abzuklären.“ Der HIV-Test als mitunter ­lästige Notwendigkeit ist von vielen verinnerlicht worden. War ja nicht immer so, wie Rainer Schilling vom Vorstand der Berliner Aids-Hilfe berichtet. „In den 80ern gab es noch keine Behandlungsmöglichkeit bei Aids. Entsprechend groß war die Skepsis schwuler Männer gegenüber dem HIV-Test.“

Therapiebeginn bei 350 oder 500 Helferzellen?

Heute, 15 Jahre nach Vancouver, der Welt-Aids-Konferenz, auf der die bahnbrechenden Dreierkombinationstherapien vorgestellt wurden, hat der Test deutlich an Relevanz gewonnen. „Die Deutsche Aids-Hilfe ermutigt zum Test, weil es heute Sinn macht zu wissen, ob man HIV-positiv ist“, sagt Carsten Schatz (Die Linke) vom DAH-Vorstand. Nur so könne man rechtzeitig mit einer Therapie beginnen, außerdem ließe sich psychosozial die Lebensqualität verbessern. Nur wann ist der ideale Startpunkt einer HIV-Therapie? Ein Blick in die internationalen Guidelines zeigt kein einheitliches Bild. „Die Amerikaner empfehlen derzeitig 500 Helferzellen als Therapiebeginn. In Europa herrscht noch die Ansage von 350 Helferzellen“, sagt der Arzt Tobias Glaunsinger, für den die Grundansage gilt: „Wir behandeln Menschen, keine Laborwerte.“ Sein Kollege Bernhard Bieniek stellt klar, dass jede Therapie eine Abwägung sei zwischen möglichem Nutzen und Schaden. „Je mehr Nutzen wir feststellen und je besser die Medikamente werden, desto mehr wird die Waagschale in Richtung früherer Start gehen.“ Dem gegenüber stünden die „Unkommodität, überhaupt Tabletten schlucken zu müssen“, und zum Teil schwere Nebenwirkungen.

Test & Treat: Behandlungsbeginn sofort nach positivem Test?

Einige Studien legen nahe, das HI-Virus deutlich früher medikamentös in die Schranken zu weisen, bevor es im Körper vermeintlich größere Schäden anrichten kann. Begründet wird das mit der HIV-bedingten chronischen Entzündungsreaktion, die laut Glaunsinger zu einer Hyperaktivierung und damit „wohl zu einer vorzeitigen Alterung des Immunsystems führt“. Eine Reihe von Kollegen halte die Entzündungsreaktion für so zerstörerisch, „dass im Grunde jeder sofort behandelt werden muss“. In Kalifornien verfährt man bereits nach dem Prinzip „Test & Treat“: Ein positives Testergebnis führt zur Behandlung – auch unabhängig von den Werten. Unter deutschen Experten ist diese Praxis umstritten. Prof. Rolf Rosenbrock vom WZB erwartet in den nächsten Jahren viele Studien, „die zu belegen versuchen, dass es medizinisch sinnvoll ist, schon ab 500, 600 Helferzellen zu behandeln“. Die langfristige Wirkung der Therapien werde man aber erst nach 30, 40 Jahren beurteilen können. „Insofern ist das ein Vabanquespiel, auch mit der Lebensdauer und Lebensqualität derer, die eine Therapie brauchen.“

Der Internist Bernhard Bieniek erklärt, dass für ihn „die Daten über den Vorteil einer sehr frühen Therapie noch nicht so überzeugend“ seien. Und da er bei der HIV-Therapie „schon zu viele Sackgassen erlebt“ habe, sei es „gut, auf einem Mittelweg zu bleiben und keine großen Versprechungen zu machen“. Tobias Glaunsinger meint, dass die Nebenwirkungen immer weniger werden und es daher „immer weniger Gründe“ gäbe, nicht zu behandeln. Und Carsten Schatz von der DAH stellt klar: „Wann man mit einer Therapie beginnt, ist immer die Entscheidung des Patienten und keines anderen.“

Das Senatskonzept sagt, sich nicht testen zu lassen sei verantwortungslos

Bei Mann-O-Meter kostet der Schnelltest 15 Euro, nach 30 Minuten informiert ein Psychologe über das das Ergebnis. Und nutzen, wenn gewünscht, die Situation für ein weiteres Gespräch zum Thema Prävention. „Die meisten Schwulen sind gut informiert“, erklärt Psychologe Behrens, in manchen Situationen reiche das aber nicht aus. „An der Stelle setzen wir an, gehen wir in die Tiefe. Nur zu sagen, benutzt Kondome, hat keinen Sinn, das wissen eh die meisten.“

Einen primärpräventiven Nutzen hat der HIV-Test laut Marcus Behrens nicht, da „er das individuelle Verhalten nicht ändert“. Rainer Schilling fügt hinzu: „Wenn im Konzeptpapier des Senats steht, man könne sich ohne Test nicht verantwortlich verhalten, dann ist das einfach nicht wahr“. Für Carsten Schatz ist die Auseinandersetzung mit dem Test „wesentlicher Teil von Prävention“. Zu einer guten Beratung gehöre es, mit dem Berater oder Arzt darüber nachzudenken, ob ein Risiko bestanden habe. Ein Präventionserfolg wäre es, wenn die Leute nach einem positiven Testergebnis nicht zusammenbrechen, sondern damit leben können. „Sicherlich werden mir an diesem Punkt viele entgegnen, dass es vor allem um die Verhinderung von Infektionen gehe. Aber ich habe in dieser Frage eine andere Haltung.“

Geringeres Infektionsrisiko, wenn behandelt

Neben dem individuellen Nutzen von HIV-Tests und -Therapien hat sich eine epidemiologische Relevanz begründet. Menschen unter einer ART (Antiretrovirale Therapie) sind weitaus weniger infektiös. Eine Entlastung sicherlich für viele Positive, die Tobias Glaunsinger in seiner Praxis „als überaus verantwortungsbewusst“ erlebt. Nicht ohne Bedeutung aber auch in der Debatte um automatische HIV-Tests und sofortige medizinische Behandlung.
Sirko Salka