Siegessäule - Eine neue Foucault-Biographie, von Michael Fisch

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Buch

Eine neue Foucault-Biographie, von Michael Fisch


Ein Interview mit dem Berliner Literaturwissenschaftler

© Jérôme Raffeneau Der Berliner Literaturwissenschaftler und Foucault-Kenner Michael Fisch

siegessaeule.de 16.10. – Ihr Buch beschreibt nicht nur detailreich sein Leben, sondern führt auch mit vielfältigen Bezügen in sein faszinierendes Denken ein. Woher kommt Ihr Interesse an Foucault?
Michel Foucault interessiert mich, weil er noch heute, knapp 30 Jahre nach seinem Tod, ein aktueller Denker ist. Seine Themen und Analysen wirken bis heute. Foucaults Begriffe wie Diskurs, Gouvernementalität, Bio-Macht, Machtanalytik, Disziplinargesellschaft und seine Fragen nach Macht und Machtverhältnissen bestimmen nach wie vor die Wissenschaften.
Ihr Buch ist während eines dreijährigen Aufenthalts in Tunesien entstanden, als Sie Dozent an der Université de la Manouba waren. Sie haben den Beginn der tunesischen Erhebung miterlebt. Was hätte Foucault dazu gesagt?
Er wäre wahrscheinlich selbst nach Tunesien zu den Aufständischen gefahren, um sich ein genaues Bild davon zu machen. Foucault hat ja von 1966 bis 1969 an „meiner“ Universität gelehrt. Er hat sich zeitlebens eingemischt. Er äußerte sich zur Kolonialpolitik der Franzosen, zur Situation von Gefangenen, in Reportagen für den Corriere della sera aus dem Iran und unterstützte die ­Gewerkschaft Solidarnosc´ s´  in Polen. All das, was Foucault in den 1970ern an Umbrüchen beschrieben hat, tritt jetzt in der arabischen Welt ein. Er sagte beispielsweise, dass der historisch überholte Begriff „Revolution“ nicht mehr greift, sondern dass soziale Aufstände zu weitgreifenden Umstürzen führen.
Im Gegensatz zu ­vorherigen Biografen ordnen Sie auch Foucaults BDSM-Erfahrungen in sein Werk ein.
Foucault hatte ein zweifaches Coming-out: mit 30 Jahren, nach mehreren Suizidversuchen, gestand er sich seine Homosexualität ein. 1975, mit knapp 50 Jahren, machte er in ­Kalifornien Erfahrungen sowohl mit bewusstseinserweiternden Drogen als auch mit Sadomasochismus. Er hatte hierbei eine Vorstellung davon, wie er bei der Überwindung von Grenzen auch den Körper ins Spiel bringen kann. Inwiefern sind Foucaults BDSM-Erfahrungen aufschlussreich für seine Schriften?
Seine Überlegungen zur Entgrenzung und seine Erfahrungen mit Grenzüberschreitung führten Foucault zu dem Konzept einer selbst formulierten „Ästhetik der Existenz“, die er unter anderem in der selbständigen Konstituierung eigener sexueller Wünsche sah. Foucault verstand es, Leben und Werk in einen denkerischen Zusammenhang zu setzen. Insbesondere die letzten Texte beschäftigen sich mit der Suche nach Wahrheit, mit dem formulierten Anspruch, sich selbst wahrhaft zu regieren, auch um anderen keinen Schaden zuzufügen und selbst so etwas wie Glück und Freude zu finden.
Michel Foucault ist 1984 als einer der ersten Prominenten infolge von Aids gestorben. Hat dieser scharfsinnige Denker sich zu dieser Krankheit geäußert?
Nein, es war einfach zu früh. Man wusste noch zu wenig über die Krankheit. Er ist mit nur 57 Jahren viel zu früh gestorben. Dabei hätte er uns noch viel zu sagen gehabt. 
Interview: Eckhard Weber


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